Familie Behinderung
© Lebenshilfe/David Maurer
Familie

Momentaufnahme mit Familie Post

In unserer Momentaufnahme wollen wir Familien vorstellen, in denen ein Mensch mit Behinderung lebt. Wir wollen zeigen, was ihr Leben ausmacht, was sie ärgert, was sie freut, wer ihnen zur Seite steht.

Familie Post im Interview – „Es nervt mich, dass er fast überall wie selbstverständlich geduzt wird.“

Momentaufnahme Familie Post
© Privat

Wen dürfen wir heute unseren Leser*innen vorstellen?

Mein Name ist Susanne Post und ich komme aus Flensburg. Hierher bin ich 2004 mit meinen fünf Kindern gezogen, nach der Trennung von meinem Mann. Mein jüngster Sohn André hat das Down-Syndrom. Er ist in vielen Bereichen eingeschränkt. So muss er zum Beispiel ständig von jemandem begleitet werden, da er sich nicht gut zurechtfindet und viele Dinge nicht alleine managen kann. Zudem hatte er bis vor kurzem eine starke Hinlauftendenz. Er ist mit einem Herzfehler geboren worden, der sich aber gut verwachsen hat. Problematisch ist nach wie vor die Facialisparese, die er unter der Geburt erlitten hat. Sprachlich wirkt sich das sehr aus. Motorisch ist er gut drauf.

Wer steht heute an Ihrer Seite?

An meiner Seite stehen teilweise meine anderen Kinder. Meine Jüngste hat ein Auge auf André, wenn ich arbeite. Wir wollten weg von Hartz IV. Und ab und zu übernehmen die älteren Brüder ihn für ein oder zwei Tage. Ansonsten mache ich alles, was André betrifft. Tagsüber ist er – bis auf die Corona-Zeit – in der Werkstatt. Zur Lebenshilfe kann André nur selten, da kein Platz im Bus für ihn ist und kein verlässlicher Betreuer vom FED zu bekommen ist. Das ist sehr schade, da André diese Abendtreffen liebt.

Was nervt Sie im Alltag so richtig?

Im Alltag nervt es, dass es schwer ist, Förderung oder heilpädagogische Angebote zu bekommen. Offensichtlich ist es für viele Ärzte herausgeworfenes Geld, hier Verordnungen zu verschreiben. Außerdem nervt es mich, dass einige Taxi-Unternehmen André nur in Begleitung befördern wollen aufgrund der Behinderung. Obwohl er so zum Beispiel die Oma besuchen könnte allein, wenn ich ihn hier ins Taxi setzen würde und er vor deren Tür aussteigen könnte. Auch stört und nervt es mich, dass er fast überall wie selbstverständlich geduzt wird und viele Menschen ihn noch immer anstarren oder gar anpöbeln und mit dem Finger auf ihn zeigen.

Worüber haben Sie sich zuletzt gefreut?

Gefreut habe ich mich richtig, als Andre gut erholt aus dem Urlaub mit Yat-Reisen zurückkam. Dort wurde er voll betreut, konnte aber ganz erwachsen ohne mich Urlaub machen. Inklusion ist für mich ein schönes Ziel, aber derzeit nur – aus meiner Sicht – für diejenigen umsetzbar, die eine leichte Behinderung haben. Jemand mit dem Pflegeaufwand beziehungsweise dem Betreuungsbedarf wie André hat es noch sehr schwer.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

Ein perfekter Sonntag ist für uns, etwas länger zu schlafen, mit dem Hund zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu holen. Danach gemütlich zu frühstücken mit Lachs und Erdbeermarmelade. Anschließend irgendwo hinzufahren und spazieren zu gehen. Gegen Abend ein Eis am Hafen – das ist fein.

In der Momentaufnahme der Lebenshilfe-Zeitung stellen sich Familien mit behinderten Angehörigen vor. Sie erzählen, was ihr Leben ausmacht, was sie ärgert, was sie freut und wer ihnen zur Seite steht.

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