Komplexe Behinderung
© Lebenshilfe/David Maurer
Komplexe Behinderung
Komplexe Beeinträchtigung #KomplexeBehinderung

Menschen mit komplexen Behinderungen

Menschen mit komplexen Behinderungen werden oft nicht mitgedacht: in der Politik, in der Gesellschaft und auch in der Behindertenhilfe. Ihnen ist gemeinsam, dass sie aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind. Sie besuchen oft separate Bildungs-, Arbeits- oder Freizeitangebote und wohnen in speziellen Einrichtungen oder sogar Pflegeeinrichtungen.

Leben mit komplexer Behinderung
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Menschen mit komplexer Behinderung

Menschen mit komplexen Behinderungen werden sehr unterschiedlich bezeichnet:

  • Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf,
  • Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung,
  • schwerst mehrfach behinderte Menschen oder
  • Menschen mit Schwerst-/Mehrfachbehinderung.

Bis heute gibt keinen allgemeingültigen Begriff. So gibt es unterschiedliche Definitionen, Annahmen und Theorien, die den unterschiedlichen Begriffen zugrunde liegen. Die Bezeichnung „Komplexe Behinderung“ ist auf Barbara Fornefeld zurückzuführen, die mit großem „K“ den Begriff prägte. In ihrem Verständnis unterscheidet sich der Personenkreis stark in den Beeinträchtigungen, nicht aber in der Komplexität ihrer Lebensbedingungen.

Behinderungen und bzw. durch die Bedingungen der Umwelt

Behinderung wird heute mit dem bio-psycho-sozialen Modell beschrieben: In diesem Modell wird die individuelle Schädigung einer Person mit den Bedingungen der Umwelt zusammen betrachtet. Eine zum Beispiel körperliche Schädigung wird erst dann zur Behinderung, wenn die Umweltbedingungen nicht angepasst werden (können). Diese Wechselwirkungen zwischen körperlichen/psychischen Einschränkungen und der Umweltbedingungen führen zu Beeinträchtigungen in den Aktivitäten. Die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ist eingeschränkt. Menschen mit komplexen Behinderungen sind oft stärker von Exklusion betroffen.

Neben einer geistigen Behinderung zeichnet sich der Personenkreis durch weitere gemeinsame Merkmale aus. Jedoch müssen nicht alle zutreffen.

Weitere Merkmale komplexer Behinderung

  • zusätzliche Lebenserschwernisse (gesundheitliche Belastungen)
  • lebenslanger Unterstützungsbedarf (auch bei den vitalen Grundbedürfnissen)
  • permanenter Anpassungsbedarf der Umgebung oder der Person selbst
  • Kommunikationsunterstützung (nur ein kleiner Teil verfügt über Lautsprache)
  • Bedarf an Einzelzuwendung (und damit eine gewisse Abhängigkeit von anderen Personen)
  • ständige Erfahrungen des Scheiterns aufgrund des Abbruchs von sozialen Beziehungen über die gesamte Lebensspanne hinweg
  • besondere Betroffenheit von:
    • Ausgrenzung,
    • Ausschluss bzw. Exklusion,
    • Sonderbehandlungen oder
    • fehlender Sichtbarkeit

Menschen mit komplexen Behinderungen als Gruppe

Die Lebenswirklichkeiten von Menschen mit Behinderung stellen sich als vielschichtig dar. Menschen mit komplexen Behinderungen sind eine sehr heterogene Gruppe – ihre Exklusionserfahrungen gleichen sich jedoch. Für die Bundesvereinigung Lebenshilfe ist es wichtig, sie als Gruppe wahrzunehmen, um auf Passungsprobleme in der Gesetzgebung, Anspruch auf Leistungen und fehlende oder unzureichende Angebote in der Praxis aufmerksam zu machen.

Mensch mit komplexer Behinderung in einem Rollstuhl
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Erwachsene Menschen mit komplexen Behinderungen

Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass sowohl in der Praxis als auch in der Fachwissenschaft keine umfassenden und fundierten Konzepte vorliegen, mit denen Angebote für erwachsene Menschen mit komplexen Behinderungen geplant und gestaltet werden können. Mangels alternativer Konzepte orientiert sich die planerische und methodische Umsetzung von Angeboten oft an den frühen und frühsten Stufen der kindlichen Entwicklung.

Erwachsene Menschen mit komplexen Behinderungen erhalten damit oft Bildungsangebote, die für Kleinkinder vorgesehen sind und sie nicht als erwachsene Personen wahrnehmen. Zusätzlich wünschen sich pädagogische Fachkräfte geeignete Weiterbildungen für eine gute Angebotsgestaltung zum Beispiel in tagesstrukturierenden Einrichtungen für erwachsene Menschen mit komplexer Behinderung.

Tagesstrukturierende Angebote

Menschen mit komplexer Behinderung besuchen nach der Schulzeit meist tagesstrukturierende Angebote, die bundesweit unterschiedlich bezeichnet werden:

  • Tagesförderstätten,
  • Förder- und Betreuungsbereiche,
  • Arbeitsbereiche,
  • Tagesbeschäftigungszentrum,
  • Angebot zur Beschäftigung, Förderung und Betreuung.

Diese Arbeits- und Bildungsorte finden sich oft unter einem Dach der Werkstatt für Menschen mit Behinderung wieder. In separaten kleineren Gruppen (z. B. 6 bis 8 Personen) werden Menschen mit komplexen Behinderungen mit einem höheren Personalschlüssel als in der Werkstatt unterstützt.

In ihrer Konzeption unterscheiden sich diese nachschulischen Angebote stark. Es gibt keine bundesweiten Qualitätsstandards, so ist es den einzelnen Einrichtungen überlassen ein Arbeits- und Bildungsangebot zu entwickeln und an die individuellen Bedürfnisse anzupassen.

Qualitätsoffensive – Teilhabe von erwachsenen Menschen mit schwerer Behinderung
Qualitätsoffensive – Teilhabe von erwachsenen Menschen mit schwerer Behinderung | Ein Handbuch für Praxis, Aus- und Weiterbildung

Materialien für Mitarbeiter*innen an Arbeits-, Bildungs- und Wohnorten

In dem Forschungsprojekt „Qualitätsoffensive Teilhabe“ unter Leitung von Prof. Wolfgang Lamers wurden in den Jahren 2016 bis 2020 Materialien mit der Praxis entwickelt. Diese Materialien sind nun in einem multimedialen Webportal zugänglich. Dort sind über 60 Filme, 1.000 Seiten Textmaterial, 250 Impulsfragen und Reflexionsübungen sowie 1.000 Hinweise zu weiterführenden Materialien zugänglich. Zusätzlich wurde ein Buch in Kooperation mit dem Lebenshilfe-Verlag veröffentlicht.

Die Materialien sind besonders für Fachkräfte in Tagesförderstätten oder Förder- und Betreuungsbereiche geeignet. Doch auch Mitarbeiter*innen in Wohnangeboten, Auszubildende und Studierende sind eine Zielgruppe.

So werden theoretischen Grundlagen zu Pflege, Ethik, Menschenbild oder Kommunikation in den Videos und Texten bearbeitet. Dabei wird davon ausgegangen, dass Menschen mit komplexen Behinderungen nicht grundsätzlich andere Bedürfnisse haben als andere Menschen. Die Teilhabe an alltäglichen, arbeitsweltbezogenen und kulturellen Angeboten steht im Mittelpunkt der Weiterbildungsmaterialien.

In dem Projekt wurde außerdem ein stark verkindlichendes Menschenbild in der Praxis festgestellt.

Dies äußert sich zum Beispiel

  • in der Ansprache, z. B. „du“ statt „sie“,
  • in der Bezeichnung von Angeboten, z. B. „Morgenkreis“ statt „Arbeitsbesprechung“,
  • in der Auswahl pädagogischer Angebote, z. B. Kinderlieder, Malbücher für Kinder,
  • in einer Hierarchie im Alltag, z. B. koffeinhaltiger Kaffee nur für Mitarbeitende,
  • in einem Nicht-Ernst-Nehmen, z. B. über einen Menschen sprechen in dessen Anwesenheit.

So wird zum Beispiel die Teilhabe am Arbeitsleben komplett ausgespart und Arbeitsangebote nicht bereitgestellt. Die Weiterbildungsmaterialien zeigen auf, wie erwachsenengerechte Angebote für Menschen mit komplexer Behinderung gestaltet werden können.

Mehrfachbedingungen
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