Behindertentestament
© David Maurer/Lebenshilfe
Famillie

Psychotherapie für Menschen mit geistiger Behinderung

Auch Menschen mit einer geistigen Behinderung können psychisch krank werden. Sie haben sogar ein drei- bis viermal höheres Erkrankungsrisiko als die Durchschnittsbevölkerung. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Dennoch werden immer noch oft Verhaltensauffälligkeiten auf die kognitive Beeinträchtigung zurückgeführt. Dass sie auch psychisch bedingt sein können, findet keine Beachtung. 

Wann benötigen Menschen mit Behinderung Psychotherapie?

Bild: Alter Mann
© Lebenshilfe/David Maurer

Es ist für Ärzt*innen und Therapeut*innen nicht immer ganz einfach, die Krankheit zu erkennen und entsprechende Hilfestellung zu geben. Anhaltend aggressives Verhalten kann zum Beispiel auf eine psychische Störung hindeuten – muss es aber nicht. Die Verhaltensauffälligkeiten können auch ein Zeichen körperlicher Schmerzen sein, die der Betroffene nicht zuordnen und benennen kann. Hier muss genau hingeschaut werden. Wenn klar ist, dass eine körperliche Ursache der Symptome ausscheidet, ist für die Diagnosestellung mehr Zeit und Einfühlungsvermögen nötig. Denn Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen fällt es oft nicht leicht, ihre Beschwerden zu formulieren und Verhaltensmuster zu reflektieren.

Therapie muss angepasst werden

Das ist auch eine Herausforderung bei der Therapie: Denn psychotherapeutische Behandlungen sind häufig sehr sprachbasiert. Es wird über existierende Probleme geredet, Lösungsmöglichkeiten werden im Gespräch erarbeitet. Das erfordert ein hohes Maß an Kommunikations- und Konzentrationsfähigkeit, was Menschen mit geistiger Behinderung manchmal fehlt. Bei der Behandlung müssen deshalb Wege gefunden werden, eventuelle sprachliche Barrieren zu überwinden. Eine Hilfestellung können hier zum Beispiel Piktogramme, aber auch Bezugspersonen geben.

Überblick über zusätzliche Leistungen

Als ersten Schritt zur Verbesserung der Versorgung sieht die Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zusätzliche Leistungen für Menschen mit geistiger Behinderung vor. Voraussetzung ist immer, dass eine sogenannte Intelligenzstörung festgestellt wurde. Und zwar nach dem Abschnitt F70-F79 nach der ICD 10 (§ 1 Absatz 4 Satz 5 Psychotherapie-Richtlinie). Die ICD ist ein von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenes, weltweit anerkanntes Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen.

Belange von Menschen mit Behinderung werden in der Psychotherapieausbildung berücksichtigt

Allerdings fehlt es immer noch an Therapeut*innen, die die erforderlichen Kenntnisse im Umgang mit kognitiv beeinträchtigten Menschen haben und bereit sind, die Behandlung zu übernehmen. Erfreulich ist daher, dass seit neuestem in § 7 Absatz 1 Psychotherapeutengesetz klargestellt wurde, dass bei der Kenntnisvermittlung im Rahmen des Psychotherapiestudiums die Belange von Menschen mit Behinderung berücksichtigt werden müssen. Auch in der Approbationsordnung für Psychotherapeut*innen, die die Inhalte des Studiums konkreter regelt, ist die Therapie von Menschen mit Behinderung jetzt berücksichtigt (Anlage 2 Nummer 3 Satz 2a und Nummer 4 Satz 2 b).

Weitergehende Informationen zum Thema: Psychotherapie für Menschen mit Behinderung

Was ist der Gemeinsame Bundesausschuss?

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) setzt sich aus Vertreter*innen der Kassenärzt*innen, der Kassenzahnärzt*innen, der Krankenhäuser und der gesetzlichen Krankenkassen zusammen. Er berät und beschließt unter Beteiligung von Patientenvertreter*innen untergesetzliche Vorgaben, die bei der Gewährung von Gesundheitsleistungen zu beachten sind. Oft umreißt das Gesetz die einzelnen Ansprüche der Krankenversicherten nur grob. Die Einzelheiten müssen dann in Richtlinien des G-BA geregelt werden. Weitere Informationen zur Struktur und den Aufgaben des G-BA bietet ein Erklär-Film.

Was bedeutet ICD?

ICD ist die Abkürzung für International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. Übersetzt heißt das: statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Die ICD ist ein von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenes weltweit anerkanntes Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen. Jeder Diagnose wird dabei ein Buchstaben-Zahlencode zugeordnet. Eine leichte Intelligenzminderung hat beispielsweise den Zahlencode F 70. Die ICD 10 ist die derzeit aktuelle ICD.

Newsletter abonnieren