Senioren
Abschied in der Wohngruppe

Die Mona Lisa mit Down-Syndrom

Rosel Fischer war eine waschechte Berlinerin. Jeder in der Lebenshilfe kannte sie. Und sie kannte jeden. 20 Jahre, bis Februar 2017, wohnte sie bei der Lebenshilfe Berlin. Die Frau mit Down-Syndrom war daheim in ihrer Wohngruppe der Alt-Berliner, mit markigen Sprüchen und viel Humor. Es zogen andere Mitbewohner ein und aus. Sie blieb, als guter Geist der Gruppe.

Lebenskünstlerin mit Down-Syndrom
© Anne Müller-Zimmermann

Rosel Fischer war nach dem Tod ihrer Mutter direkt von Zuhause in ihr Lebenshilfe-Domizil gezogen. Als erste Frau in einer Männer-Gruppe. Da wurde sie hofiert. Und das gefiel ihr. Sie kam aus einer großen Familie und war das Nesthäkchen. Alles brauchte bei ihr Zeit: langsam essen, trinken, langsames An- und Ausziehen, langsames Aus-dem-Haus-gehen. Alle mussten auf ihre Zeitrechnung Rücksicht nehmen – und taten das auch. Nur der Zug wartete nicht und der Pfarrer, wenn sie sonntags in die Kirche ging. Sie liebte ihr Leben, so wie sie sich das eingerichtet hatte. Und fand es normal, dass sich die Sonne um die Erde dreht.

Ihre Mitbewohner hatten sie sofort ins Herz geschlossen, weil sie in ihrer Rolle als Prinzessin natürlich auch sehr höflich war. Konflikte löste sie durch Weghören, Themawechsel oder mit absoluter Freundlichkeit „ich mag dich auch“. Und wenn gar nichts mehr ging, dann mit Tränen. „Jetzt klappt et“, sagte sie, wenn sie ihr Ziel erreicht hatte. Und dann lächelte sie wie Mona Lisa.

Rosel Fischer war nicht nur eine Lebenskünstlerin, sondern auch eine bildende Künstlerin. Sie malte mit aller Ruhe und Genauigkeit, begleitet in der Künstlergruppe Parchimer Allee. Sie wurde von der Telekom sogar für eines ihrer Bilder ausgezeichnet.

Die herzliche Atmosphäre und der fröhliche Zusammenhalt ihrer Berliner Wohngruppe bereitete auch Rosel Fischer ein langes Leben. Denn die Mona Lisa mit Down-Syndrom hatte körperliche Einschränkungen und war einige Male kurz davor abzutreten. Doch dank der guten Stimmung in ihrer Gruppe und intensiver Pflege, kam sie immer wieder in die Gänge. Der Schwung brachte sie ein Jahr vor Ihrem Tod noch bis nach Bayern, wo sie mit ihrer allerbesten Freundin Gabriela Adolph-Klein tanzte.

Am Ende kam die Demenz

Im Dezember 2016 schwanden ihre Kräfte, ihr Körper wollte nicht mehr so richtig mitmachen. Weder im Alltag, noch bei besonderen Anlässen. Da waren selbst Weihnachten und Silvester für sie keine Freude mehr. Sie war dement geworden und erkannte kaum noch jemanden, selbst nicht ihre Liebsten. Die Mitbewohner blieben ihr treu und nahmen sie immer in ihre Mitte. Doch dann kam die Zeit, da konnte sie nichts mehr genießen. Sie hatte immer so schön langsam gelebt. Am Ende ging alles schnell. Sie musste nicht leiden. Davor hatte sie sich am meisten gefürchtet. Sie ist friedlich eingeschlafen, mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln, natürlich.

Rosel Fischer hatte für ihre Konstitution ein langes Leben. Im Mai wäre sie 70 Jahre alt geworden. Da haben wir haben alle an sie gedacht und auf sie angestoßen. „Wir vermissen die liebe Rosel, schön war‘s, all die Jahre, die sie bei uns war“, sagen Gabi, Micha, Dirk, Chris und Detlef, ihre Berliner Mitbewohner. Irgendwie ist sie immer noch da, mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln. Der gute Geist.

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