Senioren

Zum zweiten Mal in den Ruhestand

Hartmut Hellge ist Prüfer für Leichte Sprache. Acht Jahre hat er für die Lebenshilfe gearbeitet: In der Prüfergruppe der Bundesvereinigung und im Netzwerk Leichte Sprache. Diesen Sommer hat er aufgehört. So ist er zum zweiten Mal Rentner geworden. Wir schauen auf sein bisheriges Leben zurück.

 

© Hans D. Beyer
Hartmut Hellge

Hartmut Hellge wurde 1946 in einem kleinen Ort bei Altenburg in Thüringen geboren. In seiner Kindheit ist er mit seinen Eltern viel umgezogen. „Ich war 18 Jahre alt“, erzählt er, „als wir schließlich nach Ost-Berlin kamen. Seitdem lebe ich in dieser Stadt.“ An allen Wohnorten besuchte er eine Regelschule. An die Schulzeit in der DDR hat er wenig Erinnerung, weiß jedoch: „Mein Abschlusszeugnis ist von der 8. Klasse. Danach mussten sich meine Eltern um einen Arbeitsplatz für mich kümmern.“

Der Jugendliche bekam eine Arbeit beim Gartenbau, später in Berlin wurde der Tierpark Friedrichsfelde sein langjähriger Arbeitgeber. „Dort habe ich auch meine Frau kennengelernt“, verrät er. „Zehn Jahre waren wir verheiratet. Wir wohnten zusammen in einer kleinen Zweiraumwohnung.“ Aber die Beziehung ging in die Brüche. Seiner Meinung nach scheiterte sie, weil beide mit den Anforderungen des Alltags völlig überfordert waren. „Es gab keine Unterstützung für uns. Nach der Trennung war mir aber klar, dass ich unbedingt selbstständig bleiben und nicht zu meinen Eltern zurückziehen wollte“, sagt Hartmut Hellge bestimmt.

Im Job erlebte er Kündigungen und Wechsel. Einige Jahre war er in der Gastronomie tätig, dann hielt er als Platzwart Fußballfelder in Ordnung, bis er schließlich arbeitslos wurde. Der Mauerfall bedeutete auch für sein Leben eine große Wende: „Ich bekam endlich Unterstützung. 1990 zog ich in eine Wohnung im Betreuten Einzelwohnen bei der Lebenshilfe in Berlin-Karow. Ein Segen für mich! Da lebe ich bis heute und bin glücklich. 1995 fand ich eine Beschäftigung in den Nordberliner Werkstätten und konnte dort bleiben, bis ich in Rente ging.“ 

Reisen und Volksmusik

Seit der Rente hatte Hartmut Hellge mehr Zeit für seine Hobbies. „Ich liebe Volksmusik und bin großer Fan von Hansi Hinterseer. Außerdem mag ich Schmalspurbahnen und Reisen.“ Hartmut Hellge ist ein interessierter und unternehmungslustiger Mensch. Als er von der Suche nach Prüfern für die Bundesvereinigung erfuhr, wusste er sofort: „Das ist etwas für mich, das brauche ich doch auch!“ So startete er mit sieben anderen Interessierten 2010 in der neuen Prüfergruppe der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Zwei Jahre später erhielten alle zur Qualifizierung eine Schulung zu Prüfern für Leichte Sprache.

© Hans D. Beyer
"Die Leichte Sprache bleibt mir doch wichtig!"

Beim Prüfen der Texte gefiel ihm vor allem das Magazin. „Das liegt mir wirklich am Herzen. Mit jedem Magazin haben wir etwas Neues geschafft. Das ist ein tolles Gefühl. Außerdem sind die Themen alle sehr interessant und wichtig.“ Kaum ein Prüfergruppentreffen fand ohne ihn statt, denn: „In der Gruppe mit den anderen zu sein, hat mir großen Spaß gemacht. Als Prüfer hat man eine sinnvolle Aufgabe.“ Auch die Treffen vom Netzwerk Leichte Sprache fand er toll: „Dort konnten wir uns mit vielen anderen Prüfern und Übersetzern austauschen. In den Arbeitsgruppen habe ich jedes Mal dazugelernt.“ 

"Geistige Behinderung ist eine Beleidigung"

Der 72-Jährige setzte sich vor allen Dingen dafür ein, dass aus den Texten die Bezeichnung „geistige Behinderung“ verschwand: „Ich empfinde das als Beleidigung, es wurde zu lange abwertend gemeint. Ich will, dass wir Menschen mit Lern-Schwierigkeiten genannt werden.“ Damit ist er in guter Gesellschaft, auch im Netzwerk Leichte Sprache wünschen sich die meisten Prüfer und Prüferinnen diese Formulierung.

Hartmut Hellge ist zufrieden mit seinem Leben: „Ich kann nicht mehr so gut laufen und brauche einen Stock. Aber sonst geht es mir noch gut.“ In der Woche besucht er regelmäßig einen Töpferkurs und einen Malkurs, jeden Samstag besucht er seine Eltern. Wenn einmal ein Prüfer fehlt, hat er beim Abschied angeboten: „Ihr könnt mich jederzeit fragen, dann springe ich ein. Die Leichte Sprache bleibt mir doch wichtig!“

Den Text hat Ina Beyer geschrieben. Sie betreut die Prüfergruppe für Leichte Sprache bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe seit vielen Jahren.

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