© Lebenshilfe/David Maurer
Schule und Inklusion

Ein Großer

Kirk geht in die zweite Klasse einer Berliner Grundschule. Er ist dort das erste und bisher einzige Kind mit Down-Syndrom. Der Anfang war nicht leicht. Aber seine Eltern sind sich sicher: Kirk gehört auf eine Schule für alle.

Kirk hat inzwischen viel gelernt.
© Hans D. Beyer
Kirk hat inzwischen viel gelernt.

Kirk hält ein Arbeitsblatt mit Bildern in der Hand. Daneben hat er mit einem lila Buntstift in Großbuchstaben geschrieben, was auf den Zeichnungen zu sehen ist: eine Maus, ein Löffel, ein Frosch. Kirk hält das Blatt konzentriert in seinen Händen: „Mmmm. M-A-U-S.“ Stolz guckt er seine Mutter Kathrin an. „Lesen und Schreiben klappt schon echt gut, Zahlen mochte er erst gar nicht. Jetzt ist davon nichts mehr zu merken“, sagt sie.

Kirk geht in die zweite Klasse der Evangelischen Grundschule Pankow – als erstes und bis jetzt einziges Kind mit Down-Syndrom. Seine Eltern haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. „Jetzt geht es ihm dort richtig gut – aber das war nicht von Anfang an so“, sagt seine Mutter und meint damit vielleicht auch ein bisschen sich selbst. Denn schon der Tag der Einschulung war ein Einschnitt für die Familie: „Als er ganz alleine nach vorne gehen musste und wir ihn erst zwei Stunden später abholen konnten, habe ich zum ersten Mal so richtig die Kontrolle abgegeben. Das war sehr bewegend“, erinnert sich Kathrin. 

Von Anfang an etwas Besonderes

Auch die Sorge, wie die anderen Kinder auf Kirk reagieren werden, ob er dazugehören wird, beschäftigte Kathrin und ihren Mann Karsten sehr. Doch die Schule hatte alle so gut auf Kirks Start vorbereitet, dass eher das Gegenteil passierte: „Er war dort von Anfang an im positiven Sinne etwas Besonderes, alle haben ein bisschen auf ihn Acht gegeben“, sagt seine Mutter. Kirk wurde von seinem Sitznachbarn sofort zum Geburtstag eingeladen, die großen Mädchen aus der sechsten Klasse fanden ihn niedlich und spielten in der Pause mit ihm. Das Problem: Kirk wurde das manchmal zu viel. Er brauchte Abstand – was er aber noch nicht sprachlich ausdrücken konnte. „Er hat dann getreten, geschubst und gehauen“, sagt Kathrin. „Zum Glück haben die Lehrer das sofort allen erklärt und niemand war böse auf Kirk.“ Auch der Unterricht überforderte ihn, er konnte nicht stillsitzen. Deshalb wurde die Unterrichtszeit für ihn im ersten Jahr auf vier Stunden am Tag reduziert. Danach bekam Kirk eine Eins-zu-eins-Betreuung im Früh-Hort. Inzwischen ist er wieder den ganzen Tag dabei und wird nur noch bei Bedarf aus der Klasse genommen und alleine versorgt.

Der größte Kampf war allerdings der um Unterstützung: Kirk wurden pro Woche nur sieben Schulhelfer-Stunden bewilligt. „Angeblich ist das Standard für Kinder mit Down-Syndrom, für Kirk war das, gerade in der Zeit der Eingewöhnung, viel zu
wenig“, sagt seine Mutter. Die Schule legte Widerspruch ein und versuchte, das Betreuungsdefizit irgendwie auszugleichen. Am Ende nahmen sich Kirks Eltern eine Rechtsanwältin und klagten eine zusätzliche Schulassistenz ein – die auch bewilligt wurde. „Dann war die Woche gut abgedeckt“, sagt Kathrin. „Im neuen Schuljahr hat er zum Glück gleich 20 Schulhelfer-Stunden bekommen.“ Kirk braucht eine Person, die immer auf ihn achtet – sonst funktioniert es nicht. 

Nicht lecken, nicht an den Haaren ziehen, nichts kaputt machen

Kirk muss sich in der Schule an Regeln halten.
© Hans D. Beyer
Kirk muss sich in der Schule an Regeln halten.

Im Rückblick war das erste Schuljahr für Kirk ein Ankommen und Austesten. Er machte Lichtschalter an und aus, drückte den Notrufknopf, weigerte sich beim Ausflug ins Theater den vertrauten Klassenraum zu verlassen, schloss sich in der Toilette ein und rannte während des Unterrichts in andere Klassenzimmer. Damit brachte er auch die Lehrer an ihre Grenzen: „Sie mussten erst herausfinden, wie er am besten auf sie hört“, erinnert sich Kathrin. Seit dem Schulstart gibt es einmal im Monat ein Feedback-
Gespräch zwischen Kirks Eltern, seinen Lehrern, den Erziehern und den Schulhelfern. „Wir wissen aber auch nicht immer weiter – Kirk verhält sich zu Hause oft ganz anders“, sagt seine Mutter. Seine Lehrer setzen jetzt auf klare Belohnungssysteme, Wenn-Dann-Erklärungen und Karten mit Piktogrammen. Kirk hält die laminierten Bilder hoch und erklärt: „Da steht nicht lecken, nicht an den Haaren ziehen, nichts kaputt machen.“ Nach und nach fanden seine Lehrer auch die richtigen Lernmaterialien für ihn. Dafür ließen sie sich von der Panke-Schule, die den sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung hat, beraten. 

"Wir würden ihn immer wieder auf diese Schule schicken"

Kirk mit seiner Mutter Kathrin.
© Hans D. Beyer
Kirk mit seiner Mutter Kathrin.

Und heute? „Kirk geht jeden Tag gerne zur Schule“, sagt seine Mutter. „Er hat da einfach unheimlich viel gelernt.“ Das merken seine Eltern ganz besonders, wenn er einmal pro Woche zur Musik-AG in die Panke-Schule geht. „Er ist viel weiter als die Gleichaltrigen dort.“ Kirk hat im vergangenen Jahr auch den Sport für sich entdeckt, war bei den Bundesjugendspielen dabei und spielt in den Pausen mit den anderen Kindern Fußball. „Wir würden ihn immer wieder auf diese Schule schicken“, sagt Kathrin. Was danach kommt, will sie nicht planen, sondern abwarten, wie ihr Sohn sich entwickelt. Nächstes Jahr steht erst einmal der Schulstart von Kirks kleiner Schwester Kacee an. „Es wäre schön, wenn sie auf die gleiche Schule gehen kann“, sagt Kathrin. „Aber ich muss vorher mehr mit ihr darüber reden, dass Kirk das Down-Syndrom hat, damit sie mit Fragen auf dem Schulhof umgehen kann.“ Denn bisher reagierte Kacee auf Sätze wie „Kirk lernt langsamer als andere Kinder“ mit Unverständnis. „Sie hat dann gesagt, dass sie für manche Sachen ja auch mal länger braucht“, sagt ihre Mutter und lächelt. Für Kacee ist Kirk einfach ihr großer Bruder. Der schon ziemlich gut lesen kann. 

Eine Schule für alle – die aktuelle Situation in Deutschland

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Damit haben wir uns verpflichtet, Inklusion auch in der Schule zu etablieren. Da Bildung Ländersache ist, kommt die schulische Inklusion in Deutschland sehr unterschiedlich voran. Eine Orientierung bietet der sogenannte Inklusionsanteil. Er zeigt, wie fortschrittlich die jeweiligen Bundesländer beim Thema Inklusion in der Schule sind und wie viele Kinder mit Förderbedarf bereits in Regelschulen unterrichtet werden. Die Inklusionsanteile liefern jedoch keine hundertprozentig sicheren Aussagen – auch weil von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich interpretiert wird, welche Kinder zu der Gruppe mit sonderpädagogischem Förderbedarf gehören. Laut der Bertelsmann-Stiftung liegt der Inklusionsanteil an deutschen Schulen bei 31,4 Prozent (Stand 2013/2014). Blickt man nur auf den Schwerpunkt Geistige Entwicklung, sind es deutlich weniger: Laut Prof. Dr. Theo Klauß aus dem Bundesvorstand der Lebenshilfe wurden 2014 deutschlandweit nur etwa 11 Prozent dieser Schüler an einer allgemeinen Schule unterrichtet (Fachzeitschrift Teilhabe 4/16).

Newsletter abonnieren