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Freie Zeit

Ich mag einfach Gerechtigkeit

Ninia LaGrande ist kleiner als die meisten Menschen. Sie hat viele Berufe. Sie moderiert Veranstaltungen, schreibt Texte und macht bei Vortrags-Wettbewerben auf der Bühne mit. Die heißen Poetry-Slams. Sie hat Kunst-Geschichte und Deutsch studiert. Sie lebt in Hannover, ist verheiratet und hat einen Sohn. 

Ninia LaGrande und Tobias Brunwinkel entdeckten im Interview viele Gemeinsamkeiten.
© Kerstin Heidecke
Ninia LaGrande und Tobias Brunwinkel entdeckten im Interview viele Gemeinsamkeiten.

Sie haben einen spannenden und erfolgreichen Lebenslauf. Was ist Ihr Rezept? Und wer stand Ihnen zur Seite, wenn es mal schwierig war?

Ganz klar: In erster Linie meine Eltern und meine Schwester. Vor allen Dingen meine Mutter, die immer da war, wenn ich zum Beispiel erlebt habe, dass Leute über mich gelacht haben. Oder, wenn es Situationen gab, von denen ich damals noch nicht wusste, dass es Diskriminierung ist. Wenn etwas verletzend war, dann hat sie mir Sätze und Rezepte auf den Weg gegeben, wie ich reagieren kann. Das war ganz wichtig für mich. Und auch, dass meine Eltern mich nicht in Watte gepackt haben. Und wichtig war zudem meine Schwester, die mir oft beistand, wenn es um Selbstbewusstsein ging. Was sich jetzt etwas geändert hat, so dass sie sich jetzt manchmal von mir eine Scheibe abschneidet. Dann gab es ganz viele verschiedene Leute, die mich in verschiedenen Punkten gefördert haben. Nach dem Studium, im Volontariat, im Berufsleben, Menschen, die mich unterstützt haben, die mir zum Beispiel flexible Arbeit ermöglicht haben, wenn ich Auftritte hatte.

Wir finden, Sie haben einen tollen Künstler-Namen. Weshalb haben Sie sich für LaGrande entschieden?

Den habe ich mir eigentlich nicht selbst gegeben. Ich habe in der Schulzeit viel in der Theater-AG gespielt, in Braunschweig. Während der Schultheaterwochen durften wir in verschiedenen Locations auftreten, darunter auch im Staatstheater. Dort standen an den Garderoben die Namen der bekannten Schauspieler. Da haben wir uns überlegt, wie das wäre, wenn da unser Name stünde. So haben wir uns dann gegenseitig Künstlernamen ausgedacht. Das ist hängen geblieben. Ich habe mir später einen Blogg eingerichtet, den ich so genannt habe. Dann, beim Slam, wollte ich nicht meinen privaten Nachnamen verwenden. So habe ich entschieden, ich nehme den Namen mit auf die Bühne.

Sie wirken meist optimistisch, mutig und fröhlich. Sie schreiben aber auch von „ganz, ganz vielen Doofen“ und Diskriminierung. Wie gehen Sie damit um, wenn jemand Sie beleidigt? Oder wenn jemand diese gut gemeinten Sprüche wie „klein, aber oho“ verwendet?

(Lacht.) Das kommt auf meine Tagesform kann. Es gibt Tage, an denen denkt man: Heute kann mich nichts besiegen. Also: Manchmal ignoriere ich es, manchmal kontere ich, manchmal  fällt mir ein guter Spruch ein, manchmal aber auch erst nach der Situation. 

Dann gibt’s natürlich immer Leute, die sagen: Ich finde das so mutig, dass du das machst, mit der Bühne. Da frage ich dann zurück: Was soll ich sonst machen, zuhause bleiben? Ich versuche oft viel zu erklären. Ein Freund hat mal – aus seiner Sicht liebevoll – das Wort Liliputaner verwendet. Da habe ich ihm gesagt, dass das nicht geht.  

Kürzlich habe ich den Start der inklusiven Sportwoche in Hannover moderiert. Dort ist etwas sehr Krasses passiert. Das Schlimmste, was ich bisher erlebt habe. Es kam eine Frau nach vorne gelaufen und brüllte: „Ey, du Zwerg, f... dich“. Sie wurde dann schnell von den Organisatoren entfernt. In dieser Situation war ich überfordert. Dann habe ich ins Mikro gesagt: „An solchen Reaktionen merkt man, dass wir inklusive Veranstaltungen noch dringend brauchen.“ An einem schlechten Tag kann es auch passieren, dass ich heule. 

Was mir oft hilft, ist es, solche Erlebnisse zu teilen, mit Freunden. Oder mit meiner WhatsApp-Gruppe mit Frauen aus der Slam-Szene, oder es bei Facebook oder Instagram zu teilen. Alleine das Teilen und der Zuspruch bewirken dann, dass der Ballast von mir weg geht. 

Wie kamen Sie eigentlich zu Ihrer Leidenschaft, so tolle und freche Texte zu schreiben und vorzutragen?

Ich habe ja schon immer Theater gespielt und die Bühne war für mich keine Unbekannte. Ich bin eine kleine Rampensau. Smalltalk kann ich allerdings gar nicht. Auf der Bühne bin ich gern, weil ich das Publikum auf eine Art unter Kontrolle habe. 

Ich habe in Marburg, später in Göttingen, studiert. Da gab es einen Poetry-Slam im Theater. Ich hatte vorher schon geschrieben, habe das in meinen Blog gestellt. Ich wusste aber nicht, dass man das öffentlich vortragen darf. Ich dachte, dafür man braucht einen Verlag, bringt ein Buch heraus und dann darf man sich mit einem Wasserglas hinsetzen und das irgendwo ernsthaft vortragen. So etwas Unhierarchisches – das fand ich einfach toll, das wollte ich auch. So ging das los.

Sie setzen sich an vielen Stellen für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein – und für ein neues Bewusstsein. Zum Beispiel, dass es nicht okay ist „behindert“ als Schimpfwort zu verwenden. Wie wichtig ist Sprache für dieses Thema? 

Sprache ist super wichtig in allen Bereichen. Dazu kommt, dass ich in Linguistik meine Magisterarbeit geschrieben habe. Sprache macht Bilder im Kopf, nicht nur im Bereich der Menschen mit Behinderung, sondern auch, wenn es darum geht, Geschlechter korrekt abzubilden. Ich finde toll, was das Projekt Leid-Medien macht. Dass sie Workshops anbieten und zeigen, wie man es besser machen kann. Das Wort „behindert“ finde ich nicht schlimm, aber ich finde es schlimm, wenn man es als Schimpfwort benutzt.

Wir sagen, dass wir als Schauspieler keinen „Bonus“ für unsere Behinderung haben wollen. Also, dafür, dass wir „trotz unserer Behinderung“ gutes Theater machen. Erleben Sie so etwas auch?

Das ist total wichtig. So etwas kenne ich auch, dass Leute denken: Oh, da müssen wir ganz vorsichtig sein. Und es gibt diese Schubladen. Entweder werden die Betreffenden heroisiert oder sie bekommen ganz viel Mitleid. Ich glaube, es fällt vielen schwer, einfach die schauspielerische Leistung anzuerkennen, ohne die ganze Zeit an die Behinderung zu denken. Es passiert mir oft, dass man darauf reduziert wird. 

Das ist vielleicht ein schmaler Grat, dass man einerseits die Besonderheit auch nutzt, um das eigene Projekt groß zu machen, und andererseits nicht zu viel Fokus darauf lenkt. Ich werde oft gebucht für inklusive Veranstaltung, weil ich eben coole Texte über Behinderung mache. Aber ganz oft bin ich dann dort die Einzige mit Behinderung. Da brauchen wir noch viel Aufklärungsarbeit: Es ist cool, dass du hier bist. Aber vergessen wir mal die Behinderung und jetzt guck dir einfach mal das Stück an!  

Wir reden viel über ein gutes Teilhabe-Gesetz für Menschen mit Behinderung. Darüber ist lange gestritten worden. Sie sind an vielen Stellen sehr konkret und praktisch für unsere Themen unterwegs. Was halten Sie von der „großen Politik“?

Ich finde, dass soziale Themen dort noch viel zu wenig vorkommen: Pflege, Frau und Familie, Alleinerziehende. Vermeintlich weiche Themen, die aber oft sehr emotional sind, wie die inklusive Schule, das Bundesteilhabegesetz. Es ist schade, dass man immer so sehr laut sein muss, oder spektakuläre Sachen machen, wie Raul Krauthausen und andere Aktivisten, damit das vielleicht in der Tagesschau kommt. Das ist total anstrengend. Diese Themen haben viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Da sehe ich die Politik absolut in der Verantwortung. Schon damit angefangen, dass irgendwann alle wählen dürfen sollen.  

Was nervt Sie im Alltag, zum Beispiel in Sachen Barrierefreiheit?

Ganz viele kleine Sachen. Wenn ich zum Beispiel zum Bankautomaten muss, dann können die Leute hinter mir immer sehen, was ich tue. Und die Tastatur oder der Bildschirm sind oft so hoch, dass ich es kaum gut sehen kann. Auch Sachen, die ich jetzt mit Kinderwagen erlebe, Stufen, Straßenbahnen. Sobald man mit Stock oder Kinderwagen oder Rollstuhl unterwegs ist, kann man Panik bekommen. Es gibt noch viele andere Sachen; wir brauchen mehr Gebärdendolmetscher,  zum Beispiel im Fernsehen.  Und bei Gebäuden, da geht oft Denkmalschutz über Inklusion.  

Warum setzen Sie sich so stark für Frauenrechte ein? Sie haben doch eigentlich schon genug mit den vielen anderen Themen zu tun. Und wie können Frauen es schaffen, stark zu sein, sich durchzusetzen?

Für mich hängt das alles zusammen, wenn ich mich für Frauen einsetze, setze ich mich auch für Frauen mit Behinderung ein. Feminismus ist für mich nicht durchsetzbar, wenn er nicht auch antirassistisch ist. Aus eigener Erfahrung finde ich es wichtig, Mädchen für ihren Lebensweg stark zu machen. Da muss man auch auf Mehrfachdiskriminierung aufmerksam machen. Ich mag einfach Gerechtigkeit. Sich durchzusetzen, das ist natürlich auch eine Charakterfrage, ob einem das liegt. Mädchen müssen lernen, dass die eigene Meinung wichtig ist und gehört werden muss. 

Was gefällt Ihnen so am Thema Mode? Was bedeutet es Ihnen, sich gut oder flippig anzuziehen? 

Das habe ich von meiner Mutter mitbekommen, mir macht Mode einfach Spaß. Ich mag es, mein Kind gut anzuziehen. Und dabei darauf zu achten, dass ich unseren Jungen nicht nur blau anziehe. Für mich ist Mode ein spannendes Experimentierfeld. Ich bin da auch ein bisschen Konsumopfer, das gebe ich zu.  

Sie haben eigentlich alle Ihre Hobbys zum Beruf gemacht. Was macht Ihnen jetzt in Ihrer Freizeit Freude? 

Ich habe mir ein E-Piano gekauft und versuche Klavier spielen zu lernen, was aber gerade nicht so gut läuft. Die Idee war, dass ich kreativ sein kann, ohne irgendwelche Deadlines zu haben. Ich versuche einfach gern, mir etwas Neues beizubringen. 

Das Gespräch wurde protokolliert von Kerstin Heidecke. Der Text ist in der Lebenshilfe Zeitung 4/2018 erschienen.

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