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Zugang zum Hilfesystem:

Barrieren für eingewanderte Familien mit behinderten Angehörigen erkennen und abbauen

Willkommen in der Lebenshife. Foto: Bernd Lammel

Alle Eltern, die Kinder mit Behinderung haben, wollen das Beste für ihr Kind: Sie wollen, dass sich ihr Kind gut entwickelt, es ein gutes und weitgehend selbstständiges Leben führt und dafür die notwendige Unterstützung erhält. Sie wünschen sich, dass ihr Kind an allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben kann und statt Ausgrenzung Gemeinschaft und Zugehörigkeit erfährt. Sie wollen ihr Kind gut unterstützt und versorgt wissen, wenn sie selber nicht mehr in der Lage sein sollten, dies zu gewährleisten. Das ist selbstverständlich auch bei eingewanderten Eltern von Kindern mit Behinderungen der Fall. Dies belegen auch die wenigen Veröffentlichungen, in denen Migrantenfamilien mit behinderten Angehörigen zu Wort kommen. Empirische Studien und Aussagen von Fachkräften stützen diesen Befund. 

Seit der Reformierung des Staatsangehörigkeitsgesetztes im Jahr 2000 und der Einführung des neuen Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 bezeichnet sich Deutschland offiziell als Einwanderungsland. Die damalige Bundesregierung erkannte damit eine gesellschaftliche Situation an, die faktisch schon Jahrzehnte existierte. Mit diesem Wandel auf politischer Ebene war auch eine Veränderung des Blicks auf die gesellschaftliche Integration von Einwanderern und ihren Nachkommen verbunden. Standen vorher eher deren individuelle Defizite im Vordergrund, gerieten nun die strukturellen Barrieren in den Blick, die eine gleichberechtigte Teilhabe in zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Arbeit, Wohnen sowie den Zugang zu den Sozialsystemen verhindern.

Dieser Wandel in der Integrationspolitik ist durchaus vergleichbar mit der Veränderung des Blicks auf Menschen mit Behinderung, den die UN Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ausgelöst hat. Die UN-BRK bricht mit der Vorstellung von Behinderung als Behindertsein, also als individuelle Beeinträchtigung des Einzelnen, die es zu therapieren gelte. Zentral ist nun ein Verständnis von Behindertwerden (im Sinn von sozial dazu gemacht werden), bei dem die Wechselwirkungen zwischen individuellen Merkmalen und gesellschaftlichen Barrieren entscheidend sind. Auch hier geht es um die gesellschaftlichen Strukturen, die so verändert werden müssen, dass gleiche Chancen, Rechte und eine umfassende Teilhabe gewährleistet sind.

Was aber sind nun die Barrieren, die den Zugang von eingewanderten Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen erschweren?

In der gemeinsamen Erklärung der Fachverbände für Menschen mit Behinderung und der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände von 2012 wurden folgende Barrieren ausgemacht:

  • Es fehle an geeigneten Informations- und Beratungsangeboten, daher seien Menschen häufig nicht oder nur unzureichend über die Hilfesysteme und Selbsthilfestrukturen in Deutschland, über pädagogische, medizinische und therapeutische Angebote informiert.
  • Unterschiedliche Sichtweisen auf Behinderung und unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Unterstützungsleistungen von Familien, Diensten und Einrichtungen sowie sprachliche Barrieren erschweren eine Inanspruchnahme oder die Zusammenarbeit.
  • Bei Diensten und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sei zum Teil noch zu wenig Bewusstsein für die Vielfalt an Lebenslagen und Bedarfen eingewanderter Familien sowie für die Notwendigkeit einer interkulturellen Öffnung vorhanden.
  • Es fehle außerdem an Kenntnissen über die vielfältigen Lebenslagen von Migranten mit Behinderung und deren Familien sowie ihre möglicherweise anderen Bedarfe und Bedürfnisse. Die Angebote seien demzufolge noch nicht ausreichend an die Zielgruppen angepasst.
  • Es gebe zu wenig Angebote in den Herkunftssprachen und zu wenig Fachkräfte mit Migrationshintergrund, die eine Brückenfunktion zwischen Familien, Diensten und Einrichtungen übernehmen könnten.
  • Da sich die Unterstützungssysteme für Menschen mit Behinderung und für Menschen mit Migrationshintergrund unabhängig voneinander entwickelt haben, fehlt es an Kooperationsstrukturen.
  • Schließlich können Diskriminierungserfahrungen, Ängste und Misstrauen auf Seiten der Migrantinnen und Migranten den Zugang erschweren. Hier könnten Migrantenselbstorganisationen eine wichtige Vermittlerrolle einnehmen.

Interkulturelle Öffnung und eine kultursensible Ausrichtung des Hilfesystems sind die zentralen konzeptionellen Ansätze, mit denen die Zugangsbarrieren systematisch erkannt, analysiert und abgebaut werden können.

 
 
 

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