Unser Walter – Down-Syndrom im TV
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Familie
Ottomar „Ottmar“ Lehrmann aus Reit im Winkl: Der Mann, der „Unser Walter“ war

"Unser Walter" – Down-Syndrom im Fernsehen von 1974

Ottomar Lehrmann spielte vor vielen Jahren im Fernsehen eine Hauptrolle. Die Sendung hieß „Unser Walter“. Das war ein Mensch mit Down-Syndrom – genau wie Ottomar. Die Reaktionen der Zuschauer von 1974 reichten von Begeisterung bis Empörung. Hier die ganze Geschichte.

Unser Walter – Down-Syndrom im TV
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Ottomar „Ottmar“ Lehrmann als Walter Zabel in der letzten Folge der ZDF-Serie „Unser Walter“, links neben ihm seine Film-Mutter, Schauspielerin Cordula Trantow. © Elkon gemeinnützige Gesellschaft für Fernsehen und Film mbH

Down-Syndrom im TV – 1974 etwas völlig Neues

Über Menschen mit Down-Syndrom im Fernsehen zu berichten, ja sogar eine Serie über sie zu drehen, war 1974 völlig neu und ein mutiges Vorhaben. Die Reaktionen reichten von Mitleidsbekundungen („Die armen Eltern!“) bis hin zur Empörung („Das kann man den Zuschauern nicht zumuten!“). Doch das Wagnis wurde mit hohen Einschaltquoten von bis zu 40 Prozent belohnt.

Eltern von Menschen mit Behinderung bedankten sich beim ZDF, weil sie ihre Kinder jetzt nicht mehr verstecken mussten. Andere Zuschauer schrieben, dass die Sendung ihnen geholfen habe, betroffene Familien besser zu verstehen. „Unser Walter“ trug damit viel zur Aufklärung über ein Leben mit Down-Syndrom bei.

An der Erarbeitung des Buches zur Serie beteiligte sich Dorothea Schmidt-Thimme, damals Referentin bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe, außerdem Mutter einer Tochter mit Behinderung und Vorsitzende der Lebenshilfe in Marburg und Hessen.

Ohne Berührungsangst mit Menschen umgehen, die das Down-Syndrom haben

Unser Walter – Down-Syndrom im TV
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Ottomar „Ottmar“ Lehrmann als Kind.

Die Rolle des Walter spielten nacheinander sechs verschiedene Kinder, Jugendliche und mit Ottomar „Ottmar“ Lehrmann ein junger Erwachsener mit Down-Syndrom. Er lebt heute in einem Wohnheim der Lebenshilfe Traunstein. Seine Geschichte ist im Buch „Miteinander leben“ zum Jubiläum „50 Jahre Lebenshilfe Traunstein“ erschienen:

Ottomar Lehrmann wurde 1951 in Reit im Winkl geboren und wuchs dort zusammen mit zwei Brüdern auf. Von seinem Schulbesuch bei den Schulschwestern in Schönbrunn bei Dachau, bei denen er Lesen und Schreiben lernte, erinnert er sich, dass „fünf, sechs Buben in einer Klasse‟ waren. Ottmar, wie er sich selber nennt, ist als eifriger, zuverlässiger Linienrichter bei etlichen Fußballspielen in Erinnerung geblieben.

Ottmar spielte in der siebenteiligen ZDF-Serie „Unser Walter – Leben mit einem Sorgenkind‟ in der letzten Folge den 21-jährigen Walter. Der damals 23-jährige Ottmar weiß heute noch, dass im Fernsehstudio täglich etwa dreieinhalb Stunden geprobt wurde. Er kommentiert seine Erfahrung weiter: „Gschwitzt hab ich beim Text-Lernen.‟ Wurden die Innenaufnahmen zu anstrengend, half eine Stunde schlafen.

Die Fernsehserie wurde zuerst 1974 ausgestrahlt und 15 Jahre später von 3sat wiederholt. Wichtig dabei war, dass es den Filmemachern darum ging, einem breiten Publikum zu zeigen, wie man ohne Berührungsangst mit Menschen umgehen kann, die das Down-Syndrom haben. Rückblickend kann man davon sprechen, dass „Unser Walter‟, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis, ein wichtiger Meilenstein in Richtung Integration war. Damals war es noch durchaus üblich, Menschen mit dieser geistigen Behinderung „mongoloid‟ zu nennen.

Das "Sorgenkind Walter" arbeitet in der "Beschützenden Werkstatt"

In „seiner‟ Folge spielte Ottmar das „Sorgenkind Walter‟, der als junger Mann in einer „Beschützenden Werkstatt‟ arbeitete. Sein Film-Onkel trainiert mit Walter systematisch das Verhalten in der Stadt, beim Einkaufen und möchte erreichen, dass er Hin- und Rückweg zur Arbeitsstelle alleine schafft.

Ottmar Lehrmann durchlief in seinem Berufsleben mehrere Stationen. Zunächst arbeitete er in der Beschützenden Werkstatt der Lebenshilfe Traunstein in Eisenärzt, also der allerersten Werkstätte der Lebenshilfe Traunstein. Später wechselte er nach Traunreut in die Traunsteiner Werkstätten GmbH. Von beiden Arbeitsstellen wurde die tägliche Heimfahrt mit dem Bus von der Lebenshilfe organisiert. Schließlich arbeitete Ottmar bis zu seinem Ruhestand in der Südwerkstatt in Traunstein und wohnt seitdem im Wohnheim in der Leonrodstraße.

Unser Walter – Down-Syndrom im TV
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Ottomar „Ottmar“ Lehrmann heute.

Im heimatlichen Reit im Winkl pflegt Ottmar liebend gern seine alten Kontakte und besucht Bruder, Tanten und Onkel dort regelmäßig.

Gefragt, was er gerne tut, sagt Ottmar, dass er am Computer Bücher abschreibt. Sein sängerisches Talent entfaltet er bei der alljährlichen Weihnachtsandacht im Stötthamer Kirchlein und im Chor „Insieme‟, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam singen.

Sozialkritische TV-Serie: Der Umgang mit Menschen mit Behinderung

Filmautor Heiner Michel unternahm es, Anfang der 1970er Jahre das Leben eines Jungen mit Down-Syndrom und seiner Familie über einen Zeitraum von zwanzig Jahren zum Gegenstand einer siebenteiligen Fernsehserie zu machen. Beschrieben wird das Leben Walter Zabels von 1955 bis 1974.

Als ihr Sohn Walter zweieinhalb Jahre alt ist, teilt ein Arzt dem Ehepaar Zabel mit, dass der Junge das Down-Syndrom hat. Für die Eltern bricht eine Welt zusammen. Das Leben mit Walter gestaltet sich schwierig. Kindergärten und Schulen lehnen den Jungen ab, und Walter muss privat unterrichtet werden. Die Mutter kann nicht mehr im Familiengeschäft mitarbeiten, weil sie sich um Walter kümmern muss, der Vater muss seinen Laden daraufhin aufgeben. Tochter Sabine, drei Jahre jünger als Walter, fühlt sich vernachlässigt. Fremde begegnen Walter mit Skepsis.

Im Lauf der Jahre lernen die Zabels mit der Situation umzugehen, und auch Walter lernt, sich in der Welt zurechtzufinden. Eine große Hilfe ist Onkel Gerd, der anfangs in einem Heim für Behinderte seinen Ersatzdienst leistet und sich später als Facharzt auf die Behandlung von Kindern mit geistiger Behinderung spezialisiert. Die Beziehungen zwischen Walter und seinen Eltern verändern sich mit seinem Älterwerden. Die Eltern lernen, sich nicht von der Ablehnung der Umwelt bestimmen zu lassen, sondern Menschen in Walters Umfeld neue Sichtweisen auf die Behinderung abzufordern, etwa, indem sie sich für eine angemessene Ausbildung Walters einsetzen.

(Quellen: Fernsehlexikon von Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier und Covertext der DVD „Unser Walter‟, Eikon-Film, 2006.)

Diese sozialkritische Serie hielt detailgenau und lebensnah fest, wie sich die Behinderung ihres Kindes und heranwachsenden Jungen auf eine Familie in den sechziger und siebziger Jahren auswirkte, wie das Umfeld reagierte, welche Hilfen es gab oder auch nicht gab.

Die Parallelität zwischen den Anfangsjahren der Lebenshilfe Traunstein und den ersten zwanzig Jahren im Leben Walters wird deutlich. Im Film besucht Walter/Ottmar eine „Beschützende Werkstatt‟, im wahren Leben eröffnete die Lebenshilfe Traunstein 1972 und 1973 ihre ersten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.

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