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Lebenshilfe: Erinnerung an ermordete behinderte und kranke Menschen wach halten

Seit dem 2. September ist der neue Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde an der Berliner Philharmonie eröffnet. Der Entwurf stammt von der Architektin Ursula Wilms sowie dem Künstler Nikolaus Koliusis und dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann. Fotos: Peer Brocke

Berlin. Am 2. September wurde in Berlin die neue Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der Nazi-„Euthanasie“ eingeweiht. „Damit haben wir endlich einen würdigen Ort, an dem wir die Erinnerung an die etwa 300.000 ermordeten behinderten und kranken Menschen wach halten können“, so die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Ulla Schmidt.

Das Mahnmal wurde an der Tiergartenstraße gleich hinter der Philharmonie geschaffen. Dort, wo zu der Zeit der Nationalsozialisten die Planungszentrale für die T4-Aktion (nach Tiergartenstraße 4) zur Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ stand und wo bisher lediglich eine Gedenkplatte im Boden und eine Informationstafel an die Gräueltaten erinnerten. „Nie wieder dürfen Menschen als ‚lebensunwert‘ aussortiert und getötet werden. Darauf zu achten, ist eine der vorrangigsten Aufgaben der Lebenshilfe“, betont Ulla Schmidt.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe und auch ihr Berliner Landesverband waren von Anfang an am Runden Tisch T4 beteiligt. Jahrelang kämpften dort Hinterbliebene der Opfer, Vertreter verschiedener Behindertenverbände sowie die Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“ für den Bau eines neuen Gedenk- und Informationsortes. Die Lebenshilfe-Vorsitzende: „Wir haben unser Ziel erreicht, auch wenn wir nicht mit allem 100-prozentig zufrieden sind.“ So hatte sich der Runde Tisch den Informationsteil ausführlicher und als überdachten Ausstellungraum gewünscht, was jedoch aus finanziellen Gründen abgelehnt wurde.

Ulla Schmidt freut sich darüber, dass die Denkmal-Planer in einem wichtigen Punkt der Lebenshilfe gefolgt sind und die Gedenkstätte den Besuchern Erklärungen in einfacher Sprache bietet: „Aus meinen vielen Begegnungen mit Menschen mit geistiger Behinderung weiß ich, wie sehr sie sich für dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte interessieren. Daher dürfen wir behinderte Menschen auf keinen Fall aus einem falsch verstandenen Beschützerinstinkt heraus von Informationen zu den ‚Euthanasie‘-Verbrechen fern halten. Wir müssen diese Informationen aber leicht verständlich und sensibel aufbereiten.“ Die Lebenshilfe stellt sich dieser Aufgabe, im März 2014 ist ihr Magazin in leichter Sprache mit dem Titel „Die Morde in der Nazi-Zeit“ erschienen. Es steht auch im Internet zur Verfügung unter www.lebenshilfe.de (Leichte Sprache).

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Auf der langen Informations-Tafel gibt es auch Texte in Leichter Sprache. Foto: Peer Brocke

Barriere-Freiheit war ganz wichtig für die Planer: Auf der langen Tafel am Informations-Ort stehen auch Texte in Leichter Sprache. Sie sind in gelber Schrift geschrieben. Hier gibt sogar ein Ausstellungs-Buch in Leichter Sprache. Die Tafel hat Tisch-Höhe und kann von Rollstuhl-Fahrern gut gelesen werden. Für gehörlose Menschen gibt es auf Bild-Schirmen Filme in Gebärden-Sprache. Für blinde und seh-behinderte Menschen Informationen in Ton und fühlbarer Blinden-Schrift.

Die blaue Wand. Foto: Peer Brocke

Die blaue Wand ist ein Glaskörper, der auffallen soll - tagsüber und abends (dann angeleuchtet). Er soll die Menschen anziehen, neugierig machen. Die  Wand steht für die Opfer, sie weist nach oben, das Blau symbolisiert den Himmel. So erklärt es Architektin Ursula Wilms auf www.gedenkort-T4.eu. Sie hat das Mahnmal gemeinsam mit dem Künstler Nikolaus Koliusis und dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann entworfen.

Kranzniederlegung. Foto: Peer Brocke

Für die Lebenshilfe legten nach der Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes Bundesgeschäftsführerin Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust (rechts) und Ingrid von Randow, 2. Vorsitzende der Lebenshilfe Berlin, einen Kranz nieder.

Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien (zweite von links) und Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, lassen sich die Informationstafel erklären. Foto: Peer Brocke

Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, und Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, lassen sich von Dr. Gerrit Hohendorf (Technische Universität München) die barrierefreien Informationstafel erklären. Hohendorf und sein Team hatten die "Freiluft-Ausstellung" entwickelt.

Sigrid Falkenstein sprach beim Festakt in der Berliner Philharmonie. Foto: Peer Brocke

Eröffnet wurde der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde am 2. September 2014 mit einem bewegenden Festakt im Foyer der Berliner Philharmonie. Vom 1. September 1939 – 75 Jahre ist das nun her – datiert der Führer-Erlass Adolf Hitlers zur "Euthanasie".

Als Angehörige eines Opfers sprach Sigrid Falkenstein (am Rednerpult) über ihre ermordete Tante Anna Lehnkering. Sigrid Falkenstein rief 2007 den Runden Tisch ins Leben, der sich für ein würdiges Gedenken an der Berliner Tiergartenstraße eingesetzt und großen Anteil an der Verwirklichung des neuen Mahnmals hat.

Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, sieht darin die Mahnung, das "Recht eines jeden Menschen auf Leben zu schützen". Jedes Leben sei es wert, geliebt und gelebt zu werden. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sagte in seinem Grußwort: "Auch unsere Gesellschaft ist anfällig für Ausgrenzung. Es ist noch ein langer Weg zur Inklusion. Daran sollten wir alle arbeiten."

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Pressestelle
 

Veröffentlichung

02.09.2014, 14:57 Uhr
 
 
 

Ort des Gedenkens und der Information

Die blaue Wand.zoom
 
 
 
 

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