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Die unbekannte Fußball-WM in Brasilien

Die deutsche Nationalmannschaft für Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung spielt ihre Weltmeisterschaft vom 11. bis 24. August 2014 in São Paulo - Interview mit Nationaltrainer Jörg Dittwar

Jörg Dittwar, Nationaltrainer der deutschen Fußballer mit intellektueller Behinderung beim Deutschen Behindertensportverband - Foto: privatzoom

Berlin/São-Paulo. Deutschland ist Weltmeister! Jogi Löw und seine Nationalelf beherrschten die Schlagzeilen. Unterdessen bereitet Nationaltrainer Jörg Dittwar sein Team weitgehend ohne öffentliche Beachtung auf eine zweite Fußball-WM in Brasilien vor. Die Weltmeisterschaft ID für Fußballer mit „Intellectual Disability“ (mit intellektueller Beeinträchtigung) findet einen Monat nach der großen FIFA-WM statt: vom 11. bis 24. August in São Paulo.

Jörg Dittwar aus Seßlach bei Coburg spielte sieben Jahre mit Europameister Andy Köpke beim 1. FC Nürnberg in der Bundesliga. Seit 2009 trainiert der 50-Jährige die deutsche Nationalmannschaft ID. Auf Honorarbasis und ehrenamtlich. Im Interview mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe rechnet sich der Coach keine Chancen auf den Titel aus. Länder wie England, Polen, die Niederlande oder Saudi Arabien seien einfach zu stark: „Unser Ziel ist es, die Vorrunde zu überstehen.“

2006 in Deutschland gelang den behinderten Fußballern noch ein ausgezeichneter dritter Platz, später wurde das Team allerdings am grünen Tisch disqualifiziert. Damals gehörte die Lebenshilfe neben dem Deutschen Behindertensportverband zu den Veranstaltern der Heim-WM. Die Lebenshilfe organisierte ein großes Begegnungsprogramm rund um das Turnier und half mit, die Stadien zu füllen. An die 300.000 Zuschauer insgesamt sahen die Spiele, allein zum Eröffnungspiel Deutschland gegen Japan kamen mehr als 20.000 Zuschauer in die Duisburger MSV-Arena. Millionen verfolgten zudem die WM der Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung bei Live-Übertragungen im Fernsehen oder online.

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Mehr Informationen zur Fußball ID Nationalmannschaft gibt es auf der Internetseite des DBS.

Hier das vollständige Gespräch mit Nationaltrainer Jörg Dittwar vom 25. Juni 2014:

Herr Dittwar, Jogi Löw und seine Mannschaft kennt jeder in Deutschland. Sie und Ihr Team dagegen werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Ärgert Sie das?
Ja, das ärgert mich schon. Bei der WM 2006 im eigenen Land – damals war ich noch nicht Nationaltrainer – da wurde über meine Mannschaft sogar im ZDF im Aktuellen Sportstudio berichtet. Und es gab Live-Übertragungen der deutschen Spiele und des Finals im WDR. Danach wurde es wieder still um uns. Mein Traum wäre es, wenn wir gleichzeitig mit der FIFA-WM und nicht ein paar Wochen danach spielten. Dann hätten wir mehr mediale Aufmerksamkeit. Wären wir bekannter, wäre es für mich auch viel leichter, gute behinderte Fußballer zu finden. Es gibt bestimmt viel mehr Talente, nur weiß keiner, wo sie sind.

Welcher Ihrer Spieler könnte zu einem Thomas Müller werden und bei der Weltmeisterschaft im August eine herausragende Rolle spielen?
Da kann ich leider keinen Namen nennen. Die Sichtung bis zur WM ist noch nicht abgeschlossen. Meine Jungs spielen höchstens Kreisliga, die meisten sind zuhause in der Kreisklasse oder in der A-Klasse aktiv.

Was unterscheidet einen Nationalspieler Ihrer Elf von einem aus Löws Truppe?
Meine Spieler müssen einen IQ von unter 75 haben. Sie besuchen Förderschulen oder arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen. Nur wenige von ihnen können ein Spiel ansatzweise „lesen“. Sie vergessen schnell wieder, was wir Trainer mit ihnen einstudiert haben. Deshalb müssen wir bei unseren Lehrgängen viele Dinge ständig wiederholen.

Wo spüren Sie Ihre Spieler fürs Nationalteam auf?
Das ist ein großes Problem. Wir haben eigentlich nur die Deutsche Meisterschaft der Bundesländer und die Deutsche Meisterschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung, wo wir sichten können. Uns wäre sehr geholfen, wenn uns Leute vor Ort, zum Beispiel von der Lebenshilfe, auf talentierte Spieler aufmerksam machen könnten. Meine herzliche Bitte: Wenden Sie sich an den Deutschen Behindertensportverband, falls Sie einen guten Spieler kennen.

Bei der WM 2010 in Südafrika belegte Ihre Mannschaft den sechsten Platz. Wie stehen die Chancen in Brasilien?
Unser Ziel ist es, die Vorrunde zu überstehen. Aber wir wissen heute noch nicht, gegen wen wir in der Gruppenphase antreten müssen. Gegen die Teams aus England, Polen, Holland oder Saudi Arabien hätten wir allerdings keine Chance. Die Besten dieser Nationen spielen bisweilen sogar mit ihren Heimatklubs in der Zweiten Liga.

Können Sie Ihr Team optimal vorbereiten, zum Beispiel auf das Klima in São Paulo?
Nein. Wir fliegen dahin, kommen am Montag an, und am Dienstag oder Mittwoch geht’s schon los. Innerhalb von sechs Tagen haben wir drei Spiele! Vor dem Abflug am 10. August machen wir noch ein einwöchiges Trainingslager in Ingolstadt. Bei den Lehrgängen haben wir aber keine Zeit, um Kondition zu bolzen. Das müssen die Jungs zuhause selbst hinkriegen. Aber nicht mal jeder meiner Spieler ist daheim in einem Verein. Zweimal Training und ein Punktspiel pro Woche – das wäre schön.

Was müsste besser werden?
Mit Andy Köpke, dem Torwarttrainer der DFB-Nationalelf, habe ich von 1987 bis 1994 beim 1. FC Nürnberg gespielt. Und Jogi Löws Assistenten Hansi Flick kenne ich auch. Nach den beiden Weltmeisterschaften in Brasilien will ich versuchen, die zwei zu treffen. Vielleicht können sie helfen, Leistungsstützpunkte aufzubauen. Hansi Flick soll dann ja auch Sportdirektor des DFB werden. Was kaum einer weiß: Wir müssen nach den Regeln der Profis spielen. Das heißt zum Beispiel mögliche Doping-Kontrollen bei Lehrgängen und Sperren nach zwei gelben Karten. Versuchen Sie mal einem behinderten Fußballer klarzumachen, dass er im nächsten WM-Spiel nicht mitmachen darf. Oder was er zuhause auf gar keinen Fall zu sich nehmen soll.

Bei der Heim-WM 2006 war Willi Breuer Nationaltrainer. Er leitet heute das erste Fußball-Leistungszentrum für Sportler mit intellektueller Beeinträchtigung in Frechen bei Köln. Seit 2013 machen die jungen Männer dort quasi eine Berufsausbildung zum Fußballer. Profitiert die Nationalmannschaft von diesem einzigartigen Projekt?
Momentan noch nicht. In der Zukunft soll aber der eine oder andere aus Frechen zur Nationalelf kommen. Willi Breuer und seine gute Arbeit kenne ich. In den Heimatvereinen kümmert sich aber niemand besonders um die Fußballer mit Behinderung. Wenn ich hauptamtlich als Nationalcoach arbeiten könnte, hätte ich Zeit, bessere Kontakte zu den Heimtrainern aufzubauen.

Ihr Tipp: Wie weit kommt Deutschland bei der FIFA-WM?
Die deutsche Mannschaft macht einen guten Eindruck, das Halbfinale wird sie auf jeden Fall erreichen.

Das Gespräch führte Peer Brocke.

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Pressestelle
 

Veröffentlichung

25.06.2014, 12:21 Uhr
 
 
 
 
 

Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de