Kirk soll keinen Sonderstatus haben

Kirk
Foto: Hans D. Beyer

Kirk rennt ins Wohnzimmer, reißt seiner Mutter einen Anzug mit bunten Karos aus der Hand und zieht ihn an. Dann drückt er eine Perücke mit wilden, roten Locken auf seinen Kopf. Fertig. Heute ist Kirk ein Clown. Und was für einer. Er tobt durch das Haus seiner Eltern, schneidet Grimassen und macht Kunststücke. Kirks Mutter Kathrin lacht. „Er liebt Clowns und ist ein richtiger kleiner Schauspieler“, sagt sie. „Ich wünsche mir, dass es in seiner Schule vielleicht eine Theater-AG gibt. Und Kirk mitmachen darf.“

Ab September wird Kirk auf eine private Grundschule im Osten Berlins gehen – als erstes Kind mit Down-Syndrom. „Ich freu mich auf die Schule“, ruft Kirk. Zurzeit geht er noch in die Vorschulklasse einer integrativen Kita. Er fühlt sich dort wohl und hat einen engen Draht zu seiner Erzieherin. „Er wird da wie ein ganz normales Kind behandelt“, sagt Kathrin. Sie hat Respekt vor dem Schulstart. „Ich habe auch Angst, vielleicht wird Kirk gemobbt oder ausgegrenzt. Ich werde nicht mehr so viel mitbekommen“, sagt sie.

Deshalb haben seine Eltern sich die Entscheidung nicht leicht gemacht: Auf welche Schule soll Kirk gehen? Am Anfang standen auch Förderschulen auf ihrer Liste. Dann wurde Kirk mehrfach begutachtet, zum Beispiel um seinen Förderschwerpunkt festzulegen. Die anschließenden Empfehlungen waren eindeutig: Kirk soll inklusiv beschult werden. „Unsere Einzugsschule hat uns dann allerdings zuerst abgelehnt“, erzählt Kathrin. Und auch Kirks Einschulungsuntersuchung irritierte die Familie. Beim ersten Versuch fiel er durch – und kommt auch deshalb erst mit sieben Jahren in die erste Klasse. „Vieles hätte er beantworten können, allerdings hat er die Fragen der Ärztin nicht verstanden. Da frage ich mich schon, warum für Kinder mit Förderbedarf in Berlin nicht mit Leichter Sprache gearbeitet wird“, sagt seine Mutter.

Die Familie startete einen Bewerbungsmarathon: Sie hatte Aufnahmegespräche bei Waldorf- und
Montessori-Schulen – und der evangelischen Privatschule Pankow. „Ich hatte dort gleich ein total gutes Gefühl – die haben da richtig Lust drauf“, sagt Kirks Mutter. „Wir haben uns so gefreut, als die Zusage aus Pankow kam.“ Die Klassen seien dort für Berliner Verhältnisse mit 24 Kindern relativ klein. Die Grundschüler werden von einer Lehrerin und einer Erzieherin betreut, außerdem arbeitet eine Sonderpädagogin an der Schule. Kirk wird außerdem Unterstützung durch einen Schulhelfer bekommen – für wie viele Stunden ist noch nicht klar.

„Ich wünsche mir so, dass Kirk an seiner Schule keinen Sonderstatus hat, sondern einfach dazugehört“, sagt Kathrin. Sie hofft, dass die Schule auf sie zugeht, wenn es Probleme gibt. Und nichts ausgesessen wird, bis es irgendwann nicht mehr geht. Kirks Familie ist schon gespannt auf den ersten Elternabend im Juli. Kathrin würde dann gerne von Kirk erzählen. „Ich wünsche mir, dass die Eltern ihren Kindern sagen, dass alle verschieden sind und genau das normal ist.“

Kirks Schulstart wirft die Abläufe der Familie erst mal durcheinander, vieles muss neu organisiert werden. Anders als in der Kita, muss Kirk in der Schule pünktlich sein – obwohl er manchmal sehr schwer aus dem Bett kommt. „Ich hoffe, dass ich Kirk direkt dem Schulhelfer übergeben kann – wenn nicht, werde ich ihn zu seinem Platz bringen und warten, bis der Unterricht beginnt. Kirk würde sonst vielleicht wieder rauslaufen“, sagt Kathrin. Und dann ist da ja auch noch Kirks vierjährige Schwester Kacee, die weiterhin in die Kita gebracht werden muss. Kathrin wird deshalb später zur Arbeit kommen und dafür etwas länger im Büro bleiben. Nach der Schule wird Kirk in der Schule Mittagessen bekommen und anschließend in den Hort gehen.

Was sie sich für Kirks Zukunft wünscht? Kathrin überlegt. „Ich weiß es nicht. Ich kann und will auch nicht in die Zukunft gucken. Ich plane nie weiter als ein, zwei Jahre, da wir nicht vorhersehen können, wie Kirk sich entwickelt.“ Kirk hat sein Clowns-Kostüm inzwischen wieder ausgezogen. Er grinst und holt seinen neuen Ranzen aus einer Tüte. Den hat er selber ausgesucht, er hat ein Muster mit Polizeiautos und ein kleines Blaulicht, das blinkt, wenn er auf einen Knopf drückt. Kirk setzt den Ranzen auf und sieht stolz aus. Jetzt ist er kein Schauspieler mehr. Er ist Kirk, das Schulkind.


> Eine Schule für alle – die aktuelle Situation in Deutschland

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Damit haben wir uns verpflichtet, Inklusion auch in der Schule zu etablieren. Da Bildung Ländersache ist, kommt die schulische Inklusion in Deutschland sehr unterschiedlich voran. Eine Orientierung bietet der sogenannte Inklusionsanteil. Er zeigt, wie fortschrittlich die jeweiligen Bundesländer beim Thema Inklusion in der Schule sind und wie viele Kinder mit Förderbedarf bereits in Regelschulen unterrichtet werden. Die Inklusionsanteile liefern jedoch keine hundertprozentig sicheren Aussagen – auch weil von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich interpretiert wird, welche Kinder zu der Gruppe mit sonderpädagogischem Förderbedarf gehören. Laut der Bertelsmann-Stiftung liegt der Inklusionsanteil an deutschen Schulen bei 31,4 Prozent (Stand 2013/2014). Blickt man nur auf den Schwerpunkt Geistige Entwicklung, sind es deutlich weniger: Laut Prof. Dr. Theo Klauß aus dem Bundesvorstand der Lebenshilfe wurden 2014 deutschlandweit nur etwa 11 Prozent dieser Schüler an einer allgemeinen Schule unterrichtet (Fachzeitschrift Teilhabe 4/16).

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V.
 

Autor

Nina Krüger
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 2/2017
 

Veröffentlichung

01.06.2017, 09:46 Uhr
 
 
 
 
 

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