Urteil: bildungsunfähig

Heute ist ein besonderer Tag, denn mein Sohn Milan hat seine Freunde aus seiner WG und der Nachbarschaft eingeladen. Vor wenigen Tagen feierten wir zwar inmitten einer Reisegesellschaft der Weltenbummler in England seinen 35. Geburtstag, jedoch darf die gesellige Runde im Haus am Bache nicht fehlen. Als Mutter und Mitbewohnerin erlebe ich es, wie sich alle in dieser modernen, inklusiven Wohnform der Lebenshilfe Erfurt wohl fühlen. Nun sitzen wir beim Abendessen beisammen und tauschen unsere Urlaubserlebnisse aus. Doch während der Gespräche laufen die Ereignisse am Tag von Milans Geburt in meinem Kopf ab.

Ein Kind, das nicht so gut lernt?

Als Wunschkind sah ich ihn in meinen Träumen schon mit Zuckertüte zur Schule gehen und auch vieles Andere vor mir. Dieser Traum zerplatzte wie eine Seifenblase mit den Worten des Arztes der Erfurter Frauenklinik zwei Minuten nach der Geburt. „Sie sind Lehrerin, und sie unterrichten Kinder, die gut lernen – und Kinder, die nicht so gut lernen. Solch ein Kind haben sie geboren.“ Mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt und ohne weitere Erklärungen wurde ich auf den Gang geschoben. Am darauffolgenden Tag erfuhren wir Eltern von der Krankenschwester, dass unser Kind das Down-Syndrom hat. Kurze Zeit später sagte uns der Kinderarzt, dass Milan höchstens sechs Jahre alt werden würde. Ob er jemals einen Stift halten könne, wäre sehr fraglich. Zu Gefühlsregungen würde unser Sohn kaum in der Lage sein und übrigens könne ich meinen Beruf an den Nagel hängen. In den darauffolgenden Monaten nahm ich die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen in der Abteilung für Entwicklungsfragen wahr und erhielt Anregungen zur Physiotherapie. Eine Pädagogin gab Empfehlungen zur Spieltherapie. Das empfohlene Spielzeug gab es jedoch nicht zu kaufen, so dass der handwerklich versierte Opa Förderspielzeug an-fertigte, mit dem wir täglich üben konnten.

Fortschritte und Schabernack

Oft hielt ich dieses kleine Bündel von Kind auf meinem Arm und suchte vergebens die beschriebenen Merkmale für das Down-Syndrom. Die kleinen Augen schauten mich hilfesuchend an und in mir wurde etwas ausgelöst, das man als Kampfgeist bezeichnen könnte. Ich wollte alles richtig machen, meinen Sohn bestmöglich fördern. Aber immer wieder hatte ich das Gefühl, ich stehe mit der Aufgabe allein da. Hoffnung schöpfte ich als uns ein Platz in einer neu eingerichteten Rehabilitationspädagogischen Fördereinrichtung angeboten wurde. Ein Glücksfall, dass wir in Erfurt wohnen und nicht auf dem Land, wo es so viel weniger solcher Angebote gab. Mit acht Monaten brachte ich nun meinen Sohn Milan täglich in die Frühförderstelle und übergab ihn schweren Herzens den Erzieherinnen. Mit liebevoller Zuwendung gaben diese Frauen unserem Kind die ersten Hilfestellungen fürs Leben und mir neuen Mut.
Anders als vorhergesagt, stellten sich zu unserer Freude kleine Fortschritte in der körperlichen und geistigen Entwicklung ein. Unser Sonnenschein konnte uns immer wieder mit Schabernack und Späßen erheitern. Ich als Mutter lernte durch ihn, meine Umwelt anders wahrzunehmen. Durch seine kleinen inneren Antennen hörte er Geräusche und sah Kleinigkeiten, an denen ich sonst achtlos vorbei marschiert wäre. Welch‘ eine Bereicherung!
Meine Arbeit als Lehrerin und Erzieherin nahm ich wieder auf. Und vier meiner Kollegen hatten ebenfalls Kinder mit Behinderung. Unsere Direktorin trat uns mit besonderem Respekt und Achtung entgegen. Ihr war bewusst, dass wir vor Dienstbeginn schon ein straffes Programm mit unseren Kindern zu erledigen hatten. Es tat gut zu wissen, dass man nicht allein war.

Hilfreicher Zusammenhalt

Wir unterstützten uns dabei, didaktisches Spielzeug oder schicke Kinderbekleidung zu bekommen. Wurden in der Kaufhalle Südfrüchte verkauft, informierten wir uns eilig. Elternzusammenkünfte waren in der Frühförderstelle nicht erwünscht. Aber wir fanden Nischen, um uns auszutauschen; etwa über Hürden bei Anträgen für Pflegegeld und Behindertenausweis.

Vor der Einschulung ausgeschult

Obwohl im Jahr 1981 in der damaligen DDR das Jahr der Behinderten begangen wurde, trafen Ärztekommissionen Entscheidungen, die im Widerspruch zum damaligen Sozialprogramm standen. Den Gipfel der Taktlosigkeit erfuhr ich, als ich am 17. Oktober 1989 den Brief vom Stadtschulrat erhielt. Ohne jemals eingeschult worden zu sein, wurde mein Sohn ausgeschult – welch ein Irrsinn! Natürlich war ich in der Zwickmühle: Lehne ich mich gegen den Bescheid auf, so verliert mein Sohn den Anspruch auf den Platz in der fortführenden Rehabilitations-einrichtung. Der Leiter der Einrichtung teilte mir im Aufnahmegespräch unmissverständlich mit: „Aber wenn Sie Ihrem Sohn Buchstaben beibringen, dann ist er bei uns fehl am Platz.“
Diese Bevormundung und Entmündigung als Erziehungsberechtigte waren für mich Anlass, mich zur Wendezeit den Eltern anzuschließen, die die Lebenshilfe Erfurt gründeten.
Welch große Bedeutung die Lebenshilfe für meinen Sohn und auch für mich spielen würde, konnten wir nicht ahnen. Aus der Rehabilitationseinrichtung wurde 1990 eine Schule für geistig Behinderte. Milan besuchte sie bis zu seinem 21. Lebensjahr. Viele neue Türen haben sich dadurch für ihn geöffnet. Trotzdem bedaure ich heute, dass er nicht früher alle Chancen bekam.

Faszinierende Aufbruchstimmung

In den Wirren des Umbruchs mussten sich die Pädagogen auf neue Lehrinhalte und -formen einstellen. Es herrschte eine beispielgebende Aufbruchstimmung. In der Öffentlichkeit allerdings begegneten uns oftmals noch Unwissenheit und Intoleranz. Deshalb suchte ich als Lehrerin nach Ideen, Vorurteile im Umgang mit Menschen mit Behinderung abzubauen. Mein Sohn war an seiner Schule in einer Theatergruppe. Gemeinsam mit der Initiatorin bauten wir eine Theatergruppe aus Schülern meiner Grundschule und der Förderschule auf. Im Unterricht schrieben meine Schüler kleine Geschichten, die wir auf die Bühne brachten. Die Erfurter Schultheatertage oder Aufführungen im Rathaus stärkten das Selbstwertgefühl der Förderschüler, und auch in den Köpfen meiner Schüler und ihrer Eltern bewegte sich etwas.

Einfach Mut zur Inklusion haben

Dadurch ermuntert gründeten die Förderschule und unsere Grundschule im Jahr 2000 eine Kooperationsklasse. Ohne je von Inklusion gehört zu haben, gaben wir unseren Schülern die Chance, sich mit all ihren Stärken und Schwächen gegenseitig anzunehmen. Heute noch sprechen mich ehemalige Schüler und Eltern darauf an: Sie denken noch oft an die vielen tollen Erfahrungen, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Heute möchte ich allen Pädagogen zurufen: „Sprecht nicht nur über Inklusion, tut es einfach. Mit Herz und Verstand.“
Milan arbeitet seit zehn Jahren in einer Werkstatt für behinderte Menschen. In seiner Freizeit engagiert er sich als Tierpate im Thüringer Zoopark, nutzt die Angebote der Lebenshilfe Erfurt und pflegt mit mir auch Kontakte zu Dorfbewohnern, also Inklusion pur. 

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Hannelore Wenzlaff, Lebenshilfe Erfurt
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 3 / 2015
 

Veröffentlichung

22.09.2015, 16:20 Uhr
 
 
 
 
 

Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de