Ich will auch heiraten

Malve (23) und Tom (25) kommen in die donum-vitae-Beratungsstelle. Sie erzählen, dass sie beide in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten. Seit einiger Zeit hätten sie sich sehr lieb und hätten auch schon Sex gehabt. Zwar wollten sie heiraten, aber jetzt erst einmal wissen, wie sie am besten verhüten können.

Malve, Tom und ein Baby

Im Gespräch mit Katrin Schnell, der Beraterin, wird klar, dass Malve schon länger keine Periode mehr hatte. Katrin Schnell empfiehlt beiden einen Frauenarzt. Dabei stellt sich heraus: Malve ist bereits schwanger. Beide freuen sich sehr, aber die Menschen um sie herum sehen nur Probleme. Der Grund: Malve und Tom haben beide eine geistige Behinderung.

Sie kommen wieder zu Katrin Schnell in die Beratungsstelle von donum vitae; donum vitae heißt „Geschenk des Lebens“ und ist ein staatlich anerkannter Träger für Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftskonfliktberatung. Bei Katrin Schnell sind sie an der richtigen Stelle: Die Beraterin ist an einem Modellprojekt von donum vitae beteiligt.

Das Projekt heißt „Ich will auch heiraten!“ Es wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und läuft über die Dauer von drei Jahren. Der Titel des Projekts entstand aus der Beratung heraus. Die Aussage „Ich will auch heiraten!“ ist der eigentlich ganz selbstverständliche Ausdruck des Wunsches nach Liebe, Glück, Partnerschaft und Elternschaft – und somit nach gesellschaftlicher Teilhabe.

Teilhabe an Liebe und Partnerschaft

Für diese Teilhabe benötigen Menschen mit Behinderung häufig sexualpädagogische Angebote und eine Beratung, die ihre Lebenserfahrungen berücksichtigt. Und zwar in einer Sprache, die sie verstehen. Je mehr die Menschen mit geistiger Behinderung über sich wissen, über ihre Rolle als Mann oder Frau, über die verschiedenen Formen von Sexualität, umso besser wird es ihnen möglich sein, Entscheidungen für ihr Leben zu treffen, über Partnerschaft oder Elternschaft.

Hier setzt das Inklusionsprojekt von donum vitae an, an dem sich acht Beratungsstellen des Verbandes beteiligen. In diesen Modellberatungsstellen werden die jeweiligen Schwerpunkte des Projektes erarbeitet und durchgeführt. Die Beraterinnen und Berater sind Sozialpädagogen, die im Rahmen des Projektes an Fortbildungen zur Leichten Sprache teilgenommen und sich Grundlagen der rechtlichen Betreuung angeeignet haben. Nun bieten sie Beratung und Seminare zur Sexualaufklärung in Leichter Sprache an. Dabei setzen sie zum besseren Verständnis auch Bilder und Piktogramme ein, wenn sie etwa den Körper und die Funktionen der Sexualorgane erklären.

In dem Projekt gibt es auch einen Beirat, der die Aufgabe hat, die Ergebnisse im Projekt zu reflektieren und die Interessen und Perspektiven der Menschen mit geistiger Behinderung einfließen zu lassen. Zum Beispiel die Frage, wie Menschen mit Behinderung die Beratungsstellen leichter erreichen können. Neben einer Prüferin für Leichte Sprache ist auch eine Referentin der Bundesvereinigung Lebenshilfe in diesem Beirat vertreten.

Außerdem wird das Projekt durch zwei Forscherinnen der Universität Leipzig begleitet, die sich mit der Projektleiterin und den Mitarbeitern der Modellberatungsstellen regelmäßig treffen und die Ergebnisse auswerten. Zu diesen Ergebnissen gehört, dass Beratung in Leichter Sprache viel mehr Zeit braucht. Oder dass Frauen mit Behinderung gar nicht in die Beratungsstelle kommen. Dann müssen sie zuhause besucht werden.
Zurück zu Malve und Tom. Katrin Schnell überlegt mit dem Paar und der Betreuerin der Lebenshilfe, was nun zu tun ist.

Malve und Tom brauchen Unterstützung, um den Alltag mit dem Baby zu bewältigen. Dafür gibt es in einigen Gegenden Deutschlands Beratungsstellen für Begleitete Elternschaft. Katrin Schnell fragt daher beim Jugendamt nach, ob dies für das junge Paar möglich ist. Leider gibt es von diesen Beratungsstellen noch zu wenig. Hier gibt es noch viel zu tun – auch für donum vitae.

Konkrete Unterstützung

Damit Malve und Tom sich auch selber informieren können, hat donum vitae Broschüren in Leichter Sprache entwickelt. Die Broschüren zu den Themen Liebe, Sex, Verhütung, Schwangerschaft, Geburt und rechtliche Betreuung können kos-tenlos bestellt werden. Bezahlt wurden sie von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Außerdem entwickelt donum vitae eine Online-Beratung in Leichter Sprache. Ab Ende des Jahres 2015 könnten Malve und Tom und andere Menschen mit geistiger Behinderung ihre Fragen auch online stellen, wenn sie nicht zur Beratungsstelle gehen wollen oder können.

Mit diesem Projekt soll deutlich werden: Liebe, Sexualität und Elternschaft sind ein natürliches menschliches Bedürfnis und ein Menschenrecht. Dies ist aber nicht immer so einfach. Es gibt noch viele Ängste bei Eltern, gesetzlichen Betreuern und Mitarbeitern von Wohneinrichtungen. Mit Beratung und sexualpädagogischen Angeboten will donum vitae dazu beitragen, Ängste abzubauen und gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen!
Weitere Informationen zum Projekt „Ich will auch heiraten!“ und zu den Broschüren finden Sie im Internet unter: www.donumvitae.org

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Petra Schyma, Kerstin Heidecke
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 3 / 2015
 

Veröffentlichung

02.10.2015, 11:57 Uhr
 
 
 
 
 

Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de

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