"Dann sind wir auf Augenhöhe"

Berliner Gespräch mit ChrisTine Urspruch

Die Tatort-Schauspielerin Christine Urspruch (links) mit Thikwa-Schauspielerin Martina Nitz.  Foto: Kerstin Heidecke

Sie ist die Gerichtsmedizinerin Silke Haller im Münsteraner „Tatort“, sie spielte sich als „Sams“ in Kinderherzen und steht in vielen Rollen auf Theaterbühnen. ChrisTine Urspruch ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Und dass sie mit ihren 1,32 Meter Größe von der DIN-Norm abweicht, wie sie selbst sagt, spielt für ihr Leben kaum eine Rolle. Und damit mehr Menschen verstehen, dass Groß und Klein dazugehören, schreibt sie das "T" in ihrem Vornamen groß. Für die LHZ erzählte sie Martina Nitz und Kerstin Heidecke mehr darüber.

Wir haben vor dem Interview einiges über Sie gelesen und kennen Sie natürlich als Sams und aus dem Tatort. Wir haben den Eindruck, Sie sind eine sehr selbstbewusste Frau. War das schon immer so, oder gab es für Sie auch eine schwierige Zeit?
Eigentlich bin ich unter einem guten Stern geboren. Ich hatte schon immer ein gutes Selbstbewusstsein. Als Kind dachte ich: ‚Ich umarme die Welt und ich stehe mit beiden Beinen im Leben‘. Als ich etwa mit acht Jahren nicht mehr wuchs, merkte ich, dass bei mir etwas anders ist. Ich wusste nicht, warum ich kleiner bin. Ich war mehrmals im Krankenhaus, musste an den Beinen operiert werden. Einbrüche gab es als Teenager. Ich war ständig in jemand verliebt, hatte auch Freunde. Aber wenn jemand nichts von mir wissen wollte, fragte ich mich, ob das so ist, weil ich so klein bin. Dabei hatte das vielleicht ganz andere Gründe. Aber insgesamt habe ich mir ein positives Weltbild geschaffen.

Gibt es Dinge, die im Alltag oder bei der Arbeit für Sie anders sind als für Ihre Kollegen?
Oh, für die Kameraleute ist es manchmal schwierig. Wenn im ‚Tatort‘ mein Chef Prof. Boerne, also der Schauspieler Jan-Josef Liefers, und ich uns ins Gesicht sehen sollen… Da nehmen wir manchmal eine kleine Kiste oder Jan-Josef sitzt. Und für die Arbeit am Seziertisch im Krimi hab‘ ich eine kleine Leiter, damit ich an die Leiche rankomme. Zuhause haben wir keine anderen Möbel. Mein Mann ist ja sehr groß. Nur mein Herd ist etwas niedriger, damit keine Unfälle passieren.

Als Gerichtsmedizinerin mit dem Spitznamen „Alberich“, benannt nach dem Zwerg aus den Nibelungen, kontern Sie oft mit frechen Sprüchen und Humor. Hilft das auch im echten Leben?
Klar. Ich bin ohnehin ein fröhlicher Mensch. Und wenn jemand nicht weiß, wie er mit mir umgehen soll, ob er sich hinhocken oder herunter beugen soll, helfe ich ihm. Ich sage dann: ‚Lass uns doch hinsetzen, dann sind wir auf Augenhöhe‘. Das ist oft ein Eisbrecher, lachen befreit einfach.

Konnten Sie Einfluss auf die Rolle der Silke Haller nehmen?
Die Rolle wurde mir quasi auf den Leib geschrieben. Aber entwickeln tut sich ganz viel während des Spielens. Meine Idee war zum Beispiel, dass es auch eine Liebesgeschichte für die Rolle gibt und damit auch die weibliche Seite von Silke Haller zum Vorschein kommt.

Haben Sie Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?
Durch meine Familie und in der Schule fühlte ich mich immer gut aufgefangen. Ich war nie ein Außenseiter, war Klassensprecherin, in der Tanzschule – ich gehörte einfach dazu. Als ich mit 13 noch einmal operiert wurde und einen Rollstuhl hatte, gingen alle locker damit um. Der Hausmeister baute Rampen und die Anderen schoben mich, oder setzten sich gleich selbst in den Rolli und flitzten damit über den Schulhof.

Wie haben Sie sich als Schauspielerin durchgesetzt? Bekommen Sie die Rollen, die Sie sich wünschen? Was würden Sie gern mal spielen? Würden Sie gern auch noch etwas ganz anderes machen?
Es ist vielleicht seltener, dass ich als Schauspielerin mit den Klassikern der Literatur bedacht werde, Nora von Henrik Ipsen zum Beispiel, weil es einfach eine klassische Vorstellung von der Rolle gibt. Vielleicht müsste ich da manchmal mehr kämpfen. Aber in Shakespeares ‚Was ihr wollt“ werde ich nächstes Jahr die Olivia spielen, da führt mein Mann Tobias Materna aber auch die Regie. Die Lady Macbeth würde ich gern noch spielen. Etwas anderes als Schauspielerei wünsche ich mir eigentlich nicht, das ist so spannend. Am ehesten könnte ich mir noch vorstellen, mit Kindern zu arbeiten.

Wir sind ja auch Schauspieler, deshalb interessiert uns, wie Sie mit Lampenfieber umgehen. Haben Sie überhaupt welches?
Total! Gestern Abend erst, hier in Berlin an der Volksbühne; in der „Spanischen Fliege“. Da warte ich eine Dreiviertelstunde auf meinen Einsatz. Dann sterbe ich fast vor Lampenfieber. Aber das gehört auch dazu – als Energiekick.

Ihre Tochter ist jetzt sieben, weiß sie, dass Sie von der „DIN-Norm“ abweichen, wie sie es einmal selbst genannt haben?
Für meine Tochter ist das kein Thema. Sie kennt mich nur so. Und wenn jemand sagt: ‚Du hast ja eine kleine Mama‘. Dann sagt sie: ‚Tja, sonst hätte sich ja auch nicht das Sams spielen können‘.

Engagieren Sie sich in irgendeiner Weise für bestimmte soziale Themen?
Ich bin nicht so der Vereins-Mensch. Aber es ist gut, dass es zum Beispiel den Verband Kleinwüchsiger Menschen gibt, wo man sich Rat holen kann.

Wir wissen ja, was Sie alles machen, von Fernsehen über Kino bis zum Theater, auch hier an der Volksbühne in Berlin. Haben Sie genug Zeit, sich zu erholen?
Die ist manchmal wirklich knapp. Ich versuche aber gesund zu leben, gesund zu essen, Sport zu treiben, zu joggen.

Wie können Sie sich am besten von Stress entspannen?
Eben zum Beispiel habe ich mir eine kleine Massage gegönnt. Und ich liebe schöne Spaziergänge in der Natur, besonders im Allgäu, wo ich wohne.

Können Sie sich vorstellen, dass ein Thikwa-Schauspieler im Tatort mitmacht, und Sie mal eine Rolle bei uns übernehmen?
Das wäre ein toller Deal, ist aber wirklich eine Zeitfrage. Auf jeden Fall ist das wünschenswert, dass auch in unserer Kunst Barrieren fallen und sich alles mehr durchmischt.

Wir Thikwa-Schauspieler verdienen ja nicht so viel. Sind Sie mit Ihrem Verdienst zufrieden?
Eigentlich nicht. (lacht) Also, es könnte mehr sein, aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Und ich arbeite ja nicht nur wegen des Geldes.

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 4/2012
 

Veröffentlichung

06.12.2012, 11:48 Uhr
 
 
 
Die Thikwa-Reporter

Berliner Gespräche

Serie der Lebenshilfe-Zeitung

Zuerst haben wir den behindertenpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der fünf Fraktionen im Deutschen Bundestag auf den Zahn gefühlt. Jetzt wollen wir mit anderen wichtigen Persönlichkeiten Interviews führen. Sie können aus der Politik, aber auch aus der Wirtschaft, der Kultur oder dem Sport kommen.  Die LHZ-Serie heißt daher auch nicht mehr „Politiker in Berlin“, sondern „Berliner Gespräche“. Unsere Reporter-Tandems bestehen aber weiter aus einem Menschen mit und einem ohne Behinderung. Zusätzliche Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem integrativen Theater Thikwa in Berlin haben unser Team verstärkt: Neben Peter Pankow (von links), Jonny Chambilla und Nico Altmann sind nun Martina Nitz, Torsten Holzapfel und Deniz Kurtulan mit dabei. Wir bereiten die Gespräche immer in der ganzen Gruppe vor. Zunächst holen wir Informationen aus dem Internet, dann überlegen wir uns die Fragen.

 
 
 
 

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