Inklusiv wohnen Lebenshilfe
© Lebenshilfe Gießen
Wohnen

Inklusiv wohnen – Das Wohn-Projekt "MitLeben" der Lebenshilfe Gießen

"MitLeben" heißt das Wohn-Projekt der Lebenshilfe in Gießen, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam inklusiv und selbständig wohnen. Jetzt können hier Menschen wohnen, die viel Hilfe im Alltag brauchen und trotzdem gerne eine eigene Wohnung haben möchten.

Selbstständig wohnen dank inklusiver Wohngemeinschaft

Inklusiv wohnen Lebenshilfe
© S. Flauger/Lebenshilfe Gießen

Dass Andreas Graf (Namen redaktionell geändert) je selbstständig wohnen würde, hat vor Jahren wohl kaum jemand für möglich gehalten. Heute lebt der 50-Jährige allein unter einem Dach mit anderen Mietern eines Mehrfamilienhauses im Gießener Norden. Das Besondere: Im Haus in der Fröbelstraße sind Familien, Wohngemeinschaften und Einzelpersonen mit und ohne Behinderung daheim. Möglich gemacht haben das die Lebenshilfe Gießen und die Lebenshilfe Hessen mit ihrem Projekt „MitLeben“.

Entstanden ist die Projektidee schon vor knapp zehn Jahren – inspiriert durch ein Wohnprojekt von „Leben mit Behinderung“. Denn die Situation in Gießen war vor Jahren eine inzwischen seltene – es gab neue große Freiflächen, die es städtebaulich zu gestalten galt. Die Atmosphäre und das Bild der Stadt Gießen waren in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit von der Anwesenheit der US-amerikanischen Streitkräfte geprägt. Diese betrieben in Mittelhessen einen großen Logistikstandort zur Verteilung von Waren in ganz Europa. Vor allem in den 1950-er und 60-er Jahren etablierten sich viele Bars und Einrichtungen aus dem Kontext der US-Armee und ihrer Angehörigen heraus – bis zu 10000 Amerikaner lebten zwischenzeitlich in der Stadt an der Lahn. Erst im Jahr 2007 endete dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte mit dem Abzug des Großteils der hier stationierten Truppen. So kam es, dass nach dieser Ära zahlreiche ehemals amerikanische Gebäude über einen längeren Zeitraum leer standen. Glück für die Lebenshilfe Gießen, die deshalb die Hälfte eines Mehrfamilienhauses kaufen konnte.

Neue individuelle Wohnformen schaffen

Konzeptionell und inhaltlich entschied sich das Gießener Team um Christine Hasenauer, der Bereichsleiterin Wohnen, am damals entstandenen Projekt MitLeben des Landesverbandes der Lebenshilfe in Hessen teilzunehmen. MitLeben richtete sich an Personen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und hohem Unterstützungsbedarf, denen der Zugang zum betreuten Wohnen bis dato nicht ermöglicht werden konnte. Neue und individuelle Wohnformen sollten geschaffen werden – so auch in der Universitätsstadt Gießen. Am Gesamtprojekt beteiligten sich neun Orts- und Kreisvereinigungen der Lebenshilfe in Hessen.

Nach der Kernsanierung des Gebäudes in der Fröbelstraße entstanden elf Wohneinheiten für den lokalen Wohnungsmarkt: unterschiedliche Größen und Grundrisse vom Einzelappartement bis zur 136-Quadratmeter-Wohnung – und zudem mit guter Infrastruktur vor der Tür. Seit 2016 füllte sich das Haus nach und nach mit Leben. Die aktuelle Hausgemeinschaft ist bunt gemischt. Von Menschen mit Behinderung werden derzeit eine Vierer-WG, eine Pärchen-Wohnung und zwei Einzelappartements bewohnt. Neben den Wohnungen gibt es ein Büro der Lebenshilfe Gießen und einen Nachtbereitschaftsraum.

Gewinn an Selbstbestimmung und Teilhabe 

„Für unsere ehemalige Klienten aus unseren Wohnstätten sowie den Mieter, der aus seinem Elternhaus kam, war es ein großer Schritt in die Eigenständigkeit. Unsere Mieter mit ihren so unterschiedlichen Bedarfen haben in der Fröbelstraße so viel an Selbstbestimmung und Teilhabe gewonnen, dass diese guten Erfahrungen uns mutig gemacht haben. So konnten wir zwischenzeitlich ein weiteres innovatives Wohnprojekt – eine inklusive Wohngemeinschaft in Gießen eröffnen. Und wir diskutieren weitere Ideen“, sagt Christine Hasenauer.

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Eine eigene Wohnung: mehr Freiheit und mehr Eigenständigkeit

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Einer der ersten Mieter in dem Lebenshilfe-Objekt in der Gießener Fröbelstraße ist Andreas Graf, der mit einer Autismus-Spektrum-Störung lebt. Zuvor wohnte der 50-Jährige mit Vater und Schwester in einem dörflich gelegenen Haus im Landkreis. Andreas Graf arbeitet in einer Reha-Werkstatt. Außerdem ist er einmal in der Woche im „Atelier23“, einer von der Lebenshilfe Gießen betriebenen Kunstwerkstatt für Menschen mit Behinderung, tätig.

Andreas Grafs Einzug in die Fröbelstraße war keine Selbstverständlichkeit. Wutanfälle und diverse Zwänge prägten sein Leben stark. Zum Beispiel das Dokumentieren von Mahlzeiten. Aber nicht nur das. David Schwarzer, Koordinator von MitLeben in Gießen, erinnert sich: „Vor allem der Zwang, jede Musik die Andreas Graf im Radio hört, protokollieren zu müssen, ist eine Riesenherausforderung. Kann Herr Graf dem Zwang nicht folgen, wird er innerlich sehr unruhig, das kann auch in Aggressivität umschlagen.“

Die Vorteile einer eigenen Wohnung

So konnte Andreas Graf sich erst einen Umzug nicht vorstellen. Doch bei regelmäßigen Ortsterminen auf der Baustelle wuchs sein Vertrauen – zu David Schwarzer – und zu dem Wohnprojekt. Inzwischen weiß er die Vorteile einer eigenen Wohnung zu schätzen. Und er hat seine Zwänge besser im Griff. Er könne heute besser warten, ehe er einen Zwang auslebt und das fremdaggressive Verhalten kommt fast kaum noch vor. „Es läuft besser, ja, das liegt vielleicht auch daran, dass die Betreuer viel auf mich eingewirkt haben. Schön ist auch, dass man sich hier so gut um mich kümmert, auch pflegerisch. Daheim haben sie das auch gemacht, aber der Vater war ja auch nicht mehr der Jüngste“, sagt Graf.

Individuelle Hilfen und Barrierefreiheit

Seit rund sechs Jahren sind Sabine Günther und Jürgen Sommer ein Paar. Beide sind auf Unterstützung angewiesen. Bis zum August 2016 lebten sie in einer Wohnstätte der Lebenshilfe Gießen, gemeinsam, aber mit jeweils eigenen Wohnräumen. „Wir wollten zusammenziehen und auf eigenen Beinen stehen“, sagt Sabine Günther, die seit ihrer Geburt blind ist. Außerdem wünschte sich das Paar ein ruhigeres Wohnumfeld. „Es war gut, dass wir das gemacht haben. Wir bleiben nun hier – und wenn es geht, dann auch für immer“, sagt Sabine Günther. Über die individuellen Hilfen freut sich das Paar. Bezugsbetreuer unterstützen beim Einkauf, bei Arztbesuchen, beim Kochen und bei Freizeitaktivitäten.

Auch Simone Schuster lebte zuvor in einer Wohnstätte, auch sie ist in einer Werkstatt der Lebenshilfe Gießen tätig. Simone Schuster ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Hausaufzug gibt ihr mehr Freiheit und Flexibilität – ein Riesengewinn sei das, sagt sie heute rückblickend. „Ich habe schon länger genau so etwas gesucht. Ich wollte das unbedingt“, sagt Simone Schuster, die im Haus in einer Wohngemeinschaft lebt. Sie erfuhr als eine der Ersten von den Ideen zu einem neuen barrierefreien Wohnangebot schon 2010. Seitdem stand ihr Entschluss fest, dieses Angebot nutzen zu wollen. Immer wieder fragte sie nach, wie weit die Pläne gediehen seihen. Im August 2016 war es dann endlich soweit: Simone Schuster zog aus der Wohnstätte aus und – gemeinsam mit drei Mitbewohnerinnen – in ihre eigene Wohnung ein. Ein Entschluss, den sie nicht bereut hat.

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