© Lebenshilfe/David Maurer
Freie Zeit

Ganz nah dran

Schweigen, Wegschauen, Mitleid – so reagieren viele, wenn sie einen Menschen mit Behinderung sehen. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist das oft unerträglich. Sie wollen gesehen und gehört werden. Lange gab es da nur den Weg über die Medien, die Politik oder das eigene Buch. Das Internet hat diesen Prozess viel einfacher gemacht: Immer mehr Menschen schreiben einen Blog. Das ist so etwas wie ein öffentliches Tagebuch im Internet.

Auch Menschen mit Behinderung, ihre Eltern und Geschwister schreiben online über ihren Alltag. Dabei geht es auch um klare Forderungen an Gesellschaft und Politik. So werden sie gesehen und gehört – und das Private wird politisch. Aber welche Blogs sind lesenswert? Wir haben eine kleine Auswahl zusammengestellt.

Die Mütter

Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob bloggen unter kirstenmalzwei.blogspot.de. Sie haben beide Söhne mit Behinderung und sind in Elterninitiativen in Baden-Württemberg aktiv. „Wir erzählen kleine Geschichten zwischen Inklusion und Nixklusion, also über gelingende und weniger gelingende Inklusion und über Exklusion“, sagen sie. Ihren Blog gibt es seit 2016, inzwischen schreiben sie ihre Texte wöchentlich und erreichen damit im Monat über 20.000 Menschen. Was sie motiviert? „Viele Eltern von Kindern mit Behinderung finden sich in unseren Geschichten wieder. Manchmal fragen sie: ’Habt ihr bei uns Mäuschen gespielt?’ Wir wollen erzählen, nicht bewerten.“  Die Beiden möchten mit ihren Geschichten vor allem zum Nachdenken anregen. „Auch Politiker, Lehrer und Behördenmitarbeiter haben unseren Blog abonniert. Das finden wir gut und wichtig“, sagen sie. Mehr von Kirstenmalzwei gibt es auch auf Facebook und Twitter.

Der Vater

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Amelie Sprehe und Marco Hörmeyer

Marco Hörmeyers Tochter Amelie ist schwer mehrfach behindert. Auf www.amelie-wundertuete.de bloggt er über den gemeinsamen Alltag. Es geht zum Beispiel um Amelies Hilfsmittel und Therapien oder ihre große Freude beim Auspacken von Geschenken. „Wir lassen den Blick durchs Schlüsselloch in unser manchmal etwas anderes Leben zu“, sagt Hörmeyer. So will er nicht nur mehr Verständnis für das Leben mit einem besonderen Kind schaffen, sondern auch Spenden sammeln. Das Geld fließt zum Beispiel in kostenintensive Wünsche wie ein behindertengerechtes Auto. Monatlich gehen bis zu 400 Nutzer auf "Amelie Wundertüte". Durch den Blog hat sich für Hörmeyer viel verändert: „Wir haben neue Netzwerke zu anderen Eltern behinderter Kinder geknüpft und tauschen uns intensiv aus. Der Blog hat enorm dazu beigetragen, uns stärker anderen Menschen zu öffnen.“

Die Schwester

© privat
Tabea Mewes und ihr Bruder Marian

Tabea Mewes bloggt auf der Website www.notjustdown.com über Persönliches rund um das Thema Down-Syndrom. „Weil ich zeigen will, dass das Leben von und mit Menschen mit Down-Syndrom alles andere als down ist“, sagt sie. Ihr Bruder Marian lebt mit Trisomie 21. „Deswegen ist die Geschwistersicht auf jeden Fall das besondere Merkmal und Thema des Blogs. Es soll um Erlebnisse, Erfahrungen, Probleme und Herausforderungen gehen.“ Neben der Website bespielt Mewes auch Soziale Medien wie Facebook und Instagram. Das gesamte Projekt #notjustdown entstand vergangenen November im Rahmen ihrer Masterarbeit. Seitdem gab es schon 4000 Klicks auf der Seite. Der Blog hat für Mewes viel verändert: „Die monatelange Auseinandersetzung mit dem Thema letztes Jahr hat meinen Blick auf die Welt von Menschen mit Down-Syndrom nochmal total erweitert.“

Die Sport-Expertin Daniela Huhn

Daniela Huhn bloggt unter specialolympics.de/news/athleten-blog/. Sie arbeitet in den Lichtenberger Werkstätten und bei Special Olympics Deutschland. „Ich schreibe über alles, was bei Special Olympics so passiert“, sagt sie. Das können die anstehenden Sommerspiele sein oder neue Kollegen. Für ihre Texte in Leichter Sprache braucht sie etwa eine Stunde pro Woche. „Unsere Praktikantin unterstützt mich. Den Text und die Bilder setze ich aber alleine ein.“ Daniela Huhn hofft, dass sich durch ihren Blog etwas verändert hat: „Vielleicht kennen jetzt mehr Leute Leichte Sprache.“  Wie viele Menschen ihre Texte lesen, weiß sie nicht. „Ich habe keine Zeit, mir das genau anzuschauen. Ich habe ja auch noch andere Aufgaben zu erledigen.“

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