Anregender Austausch mit Südafrika

Bei Hospitationen in Deutschland stand das Thema Selbstvertretung behinderter Menschen auf dem Programm

Carol Bosch (rechts) und Santie Terre Blanche (vorn links) zu Gast bei der Lebenshilfe Berlin - Foto: privat

Die Lebenshilfe unterstützt mit ihrer Erfahrung auch behinderte Menschen in Südafrika. Zwei Mitarbeiterinnen einer Behindertenorganisation aus Kapstadt waren vier Wochen in Deutschland.

Seit 2003 besteht zwischen der Lebenshilfe und der „Cape Mental Health Society“ in Kapstadt eine Partnerschaft. Regelmäßig kommen Mitarbeiter/innen von dort für Hospitationen nach Deutschland. Beim letzten Mal stand das Thema Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt.


In Südafrika ist die Gleichberechtigung aller Menschen von großer Bedeutung, da in der Zeit der Apartheid die unterschiedlichen Rassen unterschiedliche Rechte hatten. So wurden Farbige und Schwarze in vielen Lebensbereichen diskriminiert.

 
Im Zuge der Demokratisierung gibt es nun Gesetze, die eine Diskriminierung aufgrund der Rasse, des Geschlechts oder einer Behinderung verbieten. Damit gibt es einen ungeheueren Aufbruch im Land, der auch für Menschen mit Behinderung ein Mehr an Mitbestimmung möglich macht.

 
Zwei leitende Mitarbeiterinnen der „Cape Mental Health Society“ besuchten vier Wochen lang Einrichtungen – vor allem der Lebenshilfe – , um sich über die Möglichkeiten der Mitbestimmung behinderter Menschen zu informieren. Die beiden, Carol Bosch und Santie Terre Blanche, trafen Heimbeiräte, Werkstatträte und andere Gremien der Selbstverwaltung.

 
Sie nahmen auch an der Sitzung des Beirates Arbeit und Wohnen der Bundesvereinigung Lebenshilfe und der Stellvertreterversammlung in Münster teil.

 
In Südafrika gibt es keine gesetzliche Grundlage für Werkstatträte und Heimbeiräte wie in Deutschland. Dennoch wurden in den Werkstätten der „Cape Mental Health Society“ nach deutschem Vorbild auch Gremien der Selbstvertretung gewählt.


In Deutschland haben sich die beiden Südafrikanerinnen mit allen Voraussetzungen befasst, die für eine funktionierende Selbstvertretung nötig sind. Ein gutes Beispiel bot der Werkstattrat Märkisch-Oberland: Eine engagierte Gruppe arbeitet gut zusammen, interessiert sich für die Nöte ihrer Kollegen, die sie gewählt haben, und sucht nach Lösungen, wenn es Probleme gibt.


Bis ein Gremium erfolgreich arbeiten kann, gibt es viel zu tun: Zunächst muss man lernen, eigene Interessen herauszufinden und sie auszusprechen. Wichtig ist auch, die Gruppenarbeit zu üben, damit jeder zu Wort kommt und die Arbeit gerecht verteilt wird.

 
Bei der Arbeit in Selbstvertretungsgremien helfen Fortbildungen, die die Lebenshilfe für Heimbeiräte und Werkstatträte anbietet. Dort werden die Aufgaben und die rechtlichen Grundlagen der Arbeit eines solchen Rates erläutert. Zu vielen Fragen gibt es von der Bundesvereinigung auch Informationsmaterial in einfacher Sprache.

 
Außerdem unterstützen Assistenten die Räte bei ihrer Arbeit. Für diese Assistenten ist es wichtig, nicht dem Rat vorzuschreiben, wie er arbeiten soll, sondern ihn dabei zu unterstützen, seinen eigenen Weg zu finden. Carol Bosch und Santie Terre Blanche wollten wissen, was die Experten in eigener Sache von ihren Assistenten erwarten.


Die beiden Frauen waren auch sehr daran interessiert, wie Fortbildungen für Mitglieder von Selbstvertretungsgremien gestaltet werden können.

 
Für die Deutschen, die mit den Südafrikanerinnen zusammenkamen, war dies eine gute Gelegenheit, die Praxis der Selbstvertretungsgremien in der Lebenshilfe zu diskutieren.

 
Dabei wurde es als ebenso wichtig angesehen, die Selbstvertretung zu unterstützen wie auch die Entwicklung abzuwarten, wenn nicht gleich zu Beginn eine Arbeit in Gremien oder eine Selbstvertretung möglich ist.

 
Manche Fragen haben auch gezeigt, dass es bei Gremien der Lebenshilfe Schwierigkeiten gibt, weil zum Beispiel der Auftrag nicht klar ist, die Mitglieder Probleme mit der Arbeit in einer Gruppe haben oder auch Menschen in ein solches Gremium gewählt werden, die gar nicht motiviert sind.

 
Ungelöst blieb das Problem der Vertretung von schwer oder mehrfach behinderten Menschen – wie und durch wen sollen sie vertreten werden?

 
Der Austausch war für beide Seiten interessant. Für die Organisation dieser Besuche ist es bemerkenswert, wie viele Menschen aus der Lebenshilfe gerne mithelfen: Gastfamilien, Begleiter zum Übersetzen und schließlich die vielen Personen und Einrichtungen, die gerne ins Gespräch kommen.

 
 
 
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