Tobias ist der erste, der nach Hause kommt. Ruckzuck sitzt der rotgelockte Fratz auf dem Schoß des Reporters. Doch nach einer wilden Begrüßung hält ihn nichts mehr bei den Erwachsenen, sogleich verschwindet er im Badezimmer. “Das geht jeden Abend so”, erzählt Margita Wimmer, die Mama. Ihr Jüngster sei eine richtige Wasserratte. Während von Tobias nur noch Plantschen und Singen (“Hey, Pippi Langstrumpf …”) zu hören ist, trudelt sein Bruder Florian ein. Artig zieht der Teenager seine Schuhe aus, bevor er sich ins Wohnzimmer an den gedeckten Kaffeetisch setzt. Der Kuchen läßt den Jungen zunächst kalt, eine alte Lebenshilfe-Zeitung hat ihn neugierig gemacht. Auf den Bildern erkennt er Vater und Mutter, beide spielen mit einem Baby. Florian stutzt: “Bin ich das?”
Zehn Jahre ist es her, da berichtete die Lebenshilfe-Zeitung erstmals über die geistig behinderten Eltern Margita (34) und Klaus-Dieter Wimmer (32) aus Braunschweig. Der Artikel löste heftige Diskussionen aus. Was damals für viele ein Skandal war, hat die Lebenshilfe in ihrem Grundsatzprogramm von 1990 aufgegriffen. Im Kapitel “Ja zu Partnerschaft und Sexualität” heißt es unter anderem: “Wenn Menschen mit geistiger Behinderung Eltern werden, sieht die Lebenshilfe Verantwortung darin, alle erdenklichen Hilfen anzubieten. In jedem Fall sind individuelle Betrachtungsweisen und Empfehlungen notwendig, auch für die Wahl empfängnisverhütender Methoden. Bei diesen Entscheidungen gilt der Wille des geistig behinderten Menschen.”
Familie wird von der Lebenshilfe Braunschweig unterstützt
Nun, die Wimmers haben sich entschieden, eine eigene Familie zu gründen. Und Fakt ist: Der heute elf Jahre alte Florian hat mittlerweile zwei Geschwister – den fünfjährigen Tobias und die achtjährige Yvonne, genannt Ivi. Alle drei leben bei ihren Eltern, die bis heute zusammengeblieben sind. Die Familie hat ihre eigene Wohnung und wird von der Lebenshilfe Braunschweig unterstützt.
Fakt ist aber auch, daß die Kinder in ihrer Entwicklung etwas zurück sind: Florian besucht eine Sonderschule, Yvonne die Sprachheilklasse einer “normalen” Grundschule und Tobias eine integrative Lebenshilfe-Kindertagesstätte.
Besuch bei Biolek
Über dem Sofa, gleich neben den Kinderbildern, hängt in Postergröße und in Glas gerahmt ein Foto der Wimmers mit Talkmaster Alfred Biolek. Nichts hat Margita Wimmer von diesem denkwürdigen Abend vergessen, als sie und ihr Mann im Fernsehen über ihren Familienalltag plauderten. Interviews gibt Margita Wimmer inzwischen wie ein Profi, ihr Mann jedoch hat es heute vorgezogen, länger als sonst in der Lebenshilfe-Werkstatt zu arbeiten.
Dafür zeigt Margita Wimmer stolz, was ihr Klaus-Dieter in der mit Freunden gemeinsam renovierten Wohnung alles selbst gezimmert oder aufgemöbelt hat: die Hochbetten für die Kinder, den antiken Wohnzimmerschrank, den Sockel, auf dem das riesige Aquarium thront, und die unzähligen lustigen Männchen, die aus Schrott zusammengelötet sind und als Kerzenständer auf Basaren reißenden Absatz finden.
Pausenbrote, putzen, waschen, einkaufen
Margita Wimmer geht voll in ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle auf. Morgens steht sie als erste auf, macht Frühstück und richtet die Pausenbrote. Dann putzen, waschen, einkaufen. Mittags gönnt sie sich ein Schläfchen, bis sie die Kinder vom Bus abholt. Die 34jährige berichtet von den Grillabenden im eigenen Schrebergarten, vom neuesten Klatsch und Tratsch in der Nachbarschaft.
Vor allem aber erzählt sie von ihren Kindern. Ein Fotoalbum nach dem anderen wird durchgeblättert: Babybilder, Taufe, Einschulung, Weihnachten, Ostern, Kindergeburtstage, Karneval. “Wir machen viel mit den Kindern, was andere Eltern nicht tun”, sagt die Mutter. “Nur beim Lesen und Schreiben kann ich ihnen nicht helfen.”
Meßlatte nicht höher legen
Für Lebenshilfe-Mitarbeiterin Eva Arnold, die Wimmers seit April 1995 betreut, ist das jedoch kein gravierendes Defizit. Man dürfe die Meßlatte nicht höher legen als bei anderen Eltern. Entscheidend sei, “daß die Wimmers ’ne echte Familie sind”.
Nie würden die Eltern zulassen, daß man ihnen Florian, Ivi und Tobias wegnimmt. Ihr ganzes Geld gäben sie für ihre Kinder aus, die Schaukel im Garten etwa hätten sie vom Biolek-Honorar gekauft. An Geburtstagen nehme sich der Papa Urlaub, schmücke die Wohnung und bastele Spiele zur Unterhaltung der kleinen Geburtstagsgäste. Die Wimmers, betont Eva Arnold, seien wirklich etwas Besonderes. Es gebe aber auch Paare, denen sie eher den Kinderwunsch ausreden würde.
Daß Florian auf die Sonderschule wechselte, liege allein an seinen Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. “Dafür interessiert ihn alles, was mit Technik zu tun hat”, so Eva Arnold. “Er will immer genau wissen, wie etwas funktioniert.” Die Lebenshilfe-Mitarbeiterin geht deshalb regelmäßig mit Florian ins Museum oder in die Bücherei. Und Ivi? “Bis auf ihre Sprachentwicklung hat sie gar keine Probleme. Das hat auch ein Extra-Test gezeigt.”
Der "Tigerschuß"
Es ist Abend geworden. Ivi ist noch beim Turnen, Tobias liegt schon im Bett, und Florian begleitet den Reporter zur Bushaltestelle. Der Blondschopf mit der Baseballmütze erzählt vom “Tigerschuß”, wie er den gegnerischen Torwart samt Ball ins Tor beförderte. Und er erzählt von seinem Vater, wie der mit Trompete und Trillerpfeife am Spielfeldrand steht, um seinen Sohn anzufeuern. Florian lächelt. “Weihnachten bekomme ich richtige Fußballschuhe.”