Wir machen den Weg frei!

Die Lebenshilfe Solingen bietet Menschen mit Behinderung außergewöhnliche Tätigkeiten an

Schlittschuhverlei in der Eissporthalle Solingen. Foto: Peer Brocke

Einer der Wahlsprüche von Josef Neumann lautet: "Wir machen den Weg frei!" Seit 2001 ist der gebürtige Pole und ausgebildete Heilerziehungspfleger Geschäftsführer der Solinger Lebenshilfe-Werkstatt, davor war er Kreisgeschäftsführer bei der Gewerkschaft ÖTV. Der neue Vorsitzende Kurt Reiner Witte, ein Unternehmer und betroffener Vater, hatte Josef Neumann zur Lebenshilfe geholt. Beide wollen eingetretene Pfade verlassen. Ihre gemeinsame Vision: Das im Sozialgesetzbuch IX festgeschriebene Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben soll in Solingen in die Tat umgesetzt werden.

Gute Chancen für behinderte Menschen sieht Geschäftsführer Neumann vor allem in der Gastronomie, der Landschaftspflege, der Freizeitbranche und in der Industrielogistik: "Diese Bereiche wollen wir ausbauen."


Beispielhafte Kooperation mit Weltkonzern

Als erstes ging die Lebenshilfe eine beispielhafte Kooperation mit dem Messer- und Scherenhersteller "Zwilling J. A. Henckels AG" ein. Der Solinger Weltkonzern ließ schon seit Jahren seine Produkte bei der Lebenshilfe verpacken. Dazu musste die Ware immer erst zur Lebenshilfe-Werkstatt hingebracht und dann wieder zurücktransportiert werden.

Als Zwilling seine Logistik umstellen wollte, konnte Neumann das Unternehmen trotz großer Konkurrenz in Billiglohnländern davon überzeugen, die Partnerschaft mit der Lebenshilfe fortzusetzen. Seither arbeiten die Werkstattkräfte unter dem Dach von Zwilling. Das aufwendige Hin und Her entfällt. Die behinderten Menschen bleiben aber weiter bei der Werkstatt beschäftigt und werden von Gruppenleitern der Lebenshilfe betreut.

Beide Seiten sind mit dieser Lösung äußerst zufrieden: Zwilling mit dem reibungslosen Arbeitsablauf, die Lebenshilfe mit der verbesserten Qualität der Arbeitsplätze. Es sei schon ein Unterschied, sagt Josef Neumann, ob die Ware in der Werkstatt oder bei Zwilling direkt verpackt werde. Die behinderten Mitarbeiter würden als Kolleginnen und Kollegen voll akzeptiert. Sie sind bei allen Betriebsfeiern dabei und begegnen den anderen Beschäftigten täglich in der Kantine beim Mittagessen. "Da sitzt der Vorstandsvorsitzende neben unseren Leuten und redet über Fußball", freut sich der Lebenshilfe-Geschäftsführer. Neumann erlebt immer wieder, wie sonntags behinderte Mitarbeiter mit ihren Familien vorm Werkstor von Zwilling stehen und voller Stolz erklären: "Da arbeite ich!"

Selbstverständlich war es für die Lebenshilfe, dass die Arbeitsplätze wie bei einer richtigen Stellenausschreibung vergeben wurden. Auf die ersten 36 Arbeitsplätze hatten sich 59 Interessenten beworben. Über Praktika und ein spezielles Auswahlverfahren wurden die Stellen bei Zwilling schließlich besetzt. Mittlerweile sind dort 89 Lebenshilfe-Arbeitsplätze entstanden. Neumann betont, dass es sich nicht um eine "Olympia-Mannschaft" handele, alles seien "ganz normale Werkstattmitarbeiter".

Übrigens: Die Kantine bei Zwilling wurde von der Integrationsfirma Integra, einer Lebenshilfe-Gesellschaft, eingerichtet. Auch das eine Idee von Josef Neumann. Der Geschäftsführer achtet sehr auf Synergie-Effekte, wenn er ein neues Projekt angeht. Nicht anders war es bei der Eissporthalle, die heute von der "Anders Leben-Eissporthallen gGmbH", einer 100-prozentigen Tochter der Lebenshilfe, betrieben wird. Den Auftrag für die Reinigung der Halle und die Pflege der Grünanlagen drum herum hat natürlich die Lebenshilfe-Werkstatt erhalten.


Eissporthalle schreibt jetzt schwarze Zahlen

Mit der Eissporthalle machte die Stadt Solingen jährlich eine halbe Million Euro Verlust. Sie stand kurz vor der Schließung, als Anfang 2004 die Lebenshilfe den maroden Betrieb als Pächter übernahm. Neumann: "Wir haben die Logistik beim Weltunternehmen Zwilling bewältigt, dann schaffen wir das mit der Eissporthalle erst recht." Im ersten Jahr habe man nur noch 11000 Euro Minus gemacht, seit dem zweiten schreibe man schwarze Zahlen.

So wurden etwa die Energiekosten drastisch gesenkt. Geschäftsführer Neumann kann es immer noch nicht fassen: "Mitten im Sommer lief die Heizung auf Hochtouren, nur weil ein Mitarbeiter duschen wollte." Früher hat die Stadt bis zu acht Eispflegemeister beschäftigt, die keine anderen Aufgaben übernehmen mussten. Heute muss im Prinzip jeder überall aushelfen können, ob behindert oder nicht. "Wer Eis gemacht hat, kann danach auch an der Fritteuse stehen", so Josef Neumann. Früher hat die Stadt das profitable Geschäft mit Bistro und Schlittschuhverleih aus der Hand gegeben, heute streicht die Lebenshilfe den Erlös selbst ein.

Um die Auslastung zu erhöhen, ist die Halle jetzt ganzjährig quasi rund um die Uhr geöffnet. Morgens kommen die Kindergärten und Schulen, nachmittags die Vereine, abends die Hobby-Läufer. Die Besucherzahlen nehmen seither kräftig zu: 60000 waren es in der Saison 2004/2005, im Winter 2005/2006 knapp 80000, und für 2006/2007 rechnet Neumann mit über 100000 Besuchern. Der Geschäftsführer lässt auch schon mal die Eisfläche unter einem Holzboden verschwinden und vermietet die riesige Halle für lokale Messen und türkische Hochzeiten mit annähernd 2000 Gästen. Versteht sich von selbst, dass die Lebenshilfe-Werkstatt dafür das Catering übernimmt. Neumann: "Das sind bis zu 27000 Euro Umsatz an einem Abend."

Mit der Leitung der Eissporthalle hat der Geschäftsführer Sabine und Klaus Groß betraut, die früher den Eissportnachwuchs trainiert haben. Man brauche ein gewisses Gespür bei der Besetzung solcher Schlüsselpositionen, erklärt Neumann. Sonst laufe der Laden nicht. Das Ehepaar Groß trägt zurzeit Verantwortung für sechs behinderte Beschäftigte, vier von ihnen haben vorher in der Werkstatt gearbeitet.

Für alle 500 Werkstattmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der Lebenshilfe Solingen wurde ein Fähigkeitsprofil erstellt. "Wir schauen nicht nach der Behinderung, sondern danach, was die Leute können", erläutert Geschäftsführer Neumann. Für den Übergang in eine Integrationsfirma wird dann ein Einsatz- und Förderungsprofil entwickelt. Es geht darum zu erkennen, welcher Arbeitsplatz passt zu mir, und was muss ich noch lernen? Vielleicht gelingt später sogar der Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Neumann: "Eine Rückkehr in die Werkstatt ist aber jederzeit möglich. Das ist ganz wichtig, um den Menschen die Angst vor diesem großen Schritt zu nehmen." Jörg Fuchs hat in der Werkstatt und bei Zwilling gearbeitet, bevor er mit seinem Praktikum in der Eissporthalle anfing. "Hier komme ich mit vielen neuen Menschen zusammen, kann mal ein Schwätzchen halten", erzählt er.

Jörg Fuchs bedient im Bistro, spült Gläser und räumt auf. Die Wochenendarbeit stört ihn nicht: "Das ist mir lieber, als mich zu Hause zu langweilen." Seine behinderten Kollegen Hans-Werner Freihoff und Detlef Busch empfinden nicht anders: Die Arbeit in der Eissporthalle sei abwechslungsreich, das Verhältnis zu den Chefs super.

Josef Neumann nickt zufrieden. Wenn es seinen Mitarbeitern gut geht, fühlt er sich bestätigt. Der Geschäftsführer wird nimmer müde, neue Ideen zu entwickeln. Im Mai 2006 weihte die Lebenshilfe ihr eigenes "Holzhackschnitzel-Heizwerk" ein. Über ein etwa 1000 Meter langes Nahwärmenetz werden die Lebenshilfe-Gärtnerei, das Altenheim St. Josef, die St. Lukas-Klinik, das Verwaltungsgebäude der Stadt und eine Werbeagentur versorgt. Angesichts ständig steigender Ölpreise hat Neumann hier die Zeichen der Zukunft erkannt.

Mit den Kollegen der umliegenden Werkstätten in Remscheid, Wermelskirchen und Wuppertal gründete der Solinger Geschäftsführer zudem den Kompetenzverbund Bergische Werkstätten. "Gemeinsam können wir auch Großaufträge aus der Industrie bewältigen", erläutert Josef Neumann.

Trifft er sich mit Kunden, dann tut er dies selbstverständlich im Café Sol. In dem Bistro mitten in der Solinger Innenstadt bedienen Menschen mit Behinderung die Gäste. Das Café ist so etwas wie das Aushängeschild der Lebenshilfe. "Unsere Kommunikationsstätte", sagt Josef Neumann. Hier kommen auch die Eltern zu ihren regelmäßigen Treffen zusammen.


Schwebefähre bringt weitere Synergie-Effekte

Neumanns neuester Coup aber ist die Schwebefähre im Brückenpark Müngsten. Seit der Jungfernfahrt am 7. Oktober 2006 hat dieses in Deutschland einzigartige Gefährt bereits mehr als 40000 Gäste angelockt. Fährmänner mit und ohne Behinderung bringen im Handbetrieb die Parkbesucher über den Fluss Wupper – für 50 Cent pro Person. "Aus einem ehemals verstaubten Ausflugsort am bergischen Wahrzeichen, der Müngstener Brücke, ist ein lebendiger Platz mit Erlebnischarakter geworden", heißt es in einer eigenen Lebenshilfe-Zeitung, die gleichzeitig als Speisekarte für die Gäste des Café Sol fungiert. Noch so eine pfiffige Idee – frische Vereinsnachrichten werden gleich neben Tagessuppe und Waffeln mit Kirschen serviert.

Auch die Gastronomie im Brückenpark Müngsten hat die Lebenshilfe übernommen. Werkstattmitarbeiter sorgen für Sauberkeit auf Toiletten und Parkplätzen. Zudem pflegen sie die großen Rasenflächen am Ufer der Wupper, die im Sommer zum Picknicken einladen. Synergie-Effekte eben. Geschäftsführer Josef Neumann denkt an jedes Detail: "Im Brückenpark verkaufen wir natürlich Bratwurst aus der Metzgerei der Lebenshilfe Wuppertal, auch wenn die im Einkauf ein paar Cent teurer ist."


Kontakt: j.neumann@wisub.de
("WISUB" steht für Werkstatt Industrie-Service und Beratung, eine Abteilung der Lebenshilfe-Werkstatt Solingen)
 
 

Organisation:
Bundesvereinigung Lebenshilfe
 
Autor:
Peer Brocke
 
Quelle:
Lebenshilfe-Zeitung 1/2007
 
Veröffentlichung:
07.03.2007, 10:40Uhr
 
 
© 2007 - 2010 Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de