Un-behinderte Bildung - ein Traum?

Großer Kongress in Köln hatte Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung zum Thema

Clown Ichmael vor dem Eingang der Kölner Universität - Foto: Heidi Becker
Ein 5-Meter-Mann belagert den Eingang der Universität zu Köln. Von oben herab lädt er herzlich zum Lernen ein. Sein Angebot wird angenommen: Heute sind es allerdings nicht die üblichen Studenten, sondern viele Menschen mit geistiger Behinderung.

Gut 200 sind es an der Zahl. Für sie und für noch mal so viele Teilnehmende ohne Behinderung beginnt gleich ein wegweisender dreitägiger Kongress mit dem Titel „Wir wollen – wir lernen – wir können! Erwachsenenbildung und Empowerment“.


Menschen mit geistiger Behinderung sind wissbegierig, wollen weiterkommen in ihrem Leben. Das hat die Kölner Veranstaltung der Bundesvereinigung Lebenshilfe und der Gesellschaft Erwachsenenbildung und Behinderung in Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und der Volkshochschule Köln auf eindrückliche Weise gezeigt.


Ob die vier großen Veranstaltungen in der Aula oder die 50 Arbeitsgruppen – alle waren geprägt von Motivation und Konzentration bei energiegeladener, zugleich heiterer Stimmung.


Tina Winter, Mitglied des Bundesvorstands der Lebenshilfe, und Bernd Frauendorf, Sprecher des Rates behinderter Menschen, betonten zu Beginn: Jeder sei in der Lage, seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Dabei helfe und stärke Erwachsenenbildung.


In einer Diskussionsrunde berichtete Daniela Braun aus Bergisch Gladbach stolz: „Ich habe an der Volkshochschule Schreiben und Lesen gelernt, und jetzt mache ich Rechnen.“


Eine neue Qualität dieser Veranstaltung war es, dass in etlichen Arbeitsgruppen Menschen mit Behinderung auch als Referenten tätig waren.


In Köln sollte es selbstverständlich sein, auf Augenhöhe und in leichter Sprache zu tagen. Das haben die behinderten Menschen selbstbewusst eingefordert. Vielen Fachleuten fällt das immer noch schwer.


Dass Vorträge von Fachleuten in leichter Sprache möglich sind, bewies Professor Dr. Theo Klauß, Universität Heidelberg. Das Mitglied des Bundesvorstands der Lebenshilfe befasste sich mit dem Thema „Un-behinderte Erwachsenenbildung – ein Traum?“ Er betonte, Erwachsenenbildung sei eine Chance, sich mit etwas freiwillig beschäftigen zu können, was einem wichtig ist. Das müsse für alle gegeben sein, auch für Menschen mit geistiger Behinderung. Hier brauche es mehr Angebote, vor allem auch im Geiste der Inklusion. Gemeinsames Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung sei möglich und ein großes Ziel.


Inklusion meint die Forderung nach Nichtausschließung behinderter Menschen. Die einmütig beschlossene Kölner Erklärung (siehe unten) fordert die Zusammenarbeit in der Bildung über die Grenzen von Einrichtungen und Verbänden hinweg. Das bedeutet konkret: Allgemeine Erwachsenenbildung, zum Beispiel die Volkshochschulen, und die Behindertenhilfe müssen aufeinander zugehen; jetzt noch fehlende Strukturen und Verbindungen müssen von beiden Seiten her aufgebaut werden.


Jeder Mensch, so die Vision Ingrid Körners, der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Lebenshilfe, für die nächsten ein, zwei Jahrzehnte, werde unbehinderten Zugang zu inklusiver Bildung, auch in der Erwachsenenbildung, haben.

Die Kölner Erklärung

Die über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Internationalen Fachtagung „Wir wollen – wir lernen – wir können! Erwachsenenbildung und Empowerment“ haben am 22. September 2007 in Köln folgende Erklärung (in leichter Sprache) beschlossen:

„Alle Teilnehmer/innen der Tagung in Köln haben drei Tage gearbeitet. Viele Gruppen haben an verschiedenen Themen gearbeitet. Die Themen haben alle mit Erwachsenenbildung für Menschen mit (so genannter geistiger) Behinderung zu tun.


Alle Teilnehmer/innen sind sich sicher:

  • Lernen ist wichtig für das ganze Leben! Für alle Menschen!
  • Alle Menschen können zusammen lernen – Menschen mit und ohne Behinderung!
  • Wenn sich jede und jeder weiterbilden kann, dann wird unsere Gesellschaft für alle Menschen besser!

Jetzt fordern wir:

 

  • Viele Einrichtungen führen Bildungs-angebote durch. Sie alle sollen zusammenarbeiten. Auch die allgemeinen Bildungseinrichtungen müssen mitarbeiten, zum Beispiel die Volkshochschulen und Hochschulen. Sie müssen Angebote für alle Menschen machen. So gibt es mehr Möglichkeiten zum Lernen.
  • Die Menschen, die Erwachsenenbildung machen, brauchen eine sehr gute Ausbildung. Und sie müssen sich ständig weiterbilden.
  • Es muss mehr Orte geben, an denen Menschen gemeinsam lernen können. In allen Städten und Gemeinden müssen Bildungsangebote für alle gemacht werden.
  • Menschen mit Behinderung bestimmen selbst, was sie lernen möchten.
  • Zu den Themen gehört auch: Wie stelle ich mir mein Leben als Frau vor? Wie stelle ich mir mein Leben als Mann vor?
  • Es muss gute Angebote für Beratung und Unterstützung geben.
  • Bei Bildungsangeboten und Einrichtungen muss überprüft werden, ob sie gut sind. Damit sollen die Angebote für die Teilnehmer/innen ständig verbessert werden.
  • Alle sollen wissen, dass Bildung für Menschen mit Behinderung wichtig ist.

Politiker/innen müssen unsere Forderungen unterstützen und sich für das Recht auf Erwachsenenbildung einsetzen!


Bildung für alle muss eine Bildung ohne Hindernisse sein!

Multikulti Tango

Der Musiker gehört zur Gruppe Kalibani vom Berliner Theater RambaZamba - Foto: Heidi Becker

Laut und leise, romantisch und frech, herausfordernd und professionell, so begeisterte die Gruppe „Kalibani“ vom Theater RambaZamba in ihrer Revue mit alten und neuen Schlagern, Chansons und Gassenhauern das Publikum.

An den Füßen zeigten sich die Darsteller/innen jedem Gelände gewachsen: Sie trugen derbe Gummistiefel. Doch allen Zuschauern war klar: Ihr wahres Feld sind die Bretter, die die Welt bedeuten! Die Anstrengung eines langen Tagungsgeschehens war an diesem Abend für zwei Stunden vergessen.

Autor:
Anja de Bruyn, Gerhard Heß
 
Quelle:
Lebenshilfe-Zeitung 4/2007
 
Veröffentlichung:
30.11.2007, 15:37Uhr
 
 
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