Eltern sind die besten Beobachter

Landesarzt Harro Naumann spricht über die Vielfalt von Therapien - über deren Anspruch und Wirklichkeit

Herr Naumann, manchen Eltern fällt es gerade am Anfang schwer, mit der Tatsache umzugehen, dass ihr Kind eine Behinderung zeigt. Was kann diesen Eltern helfen, noch bevor sie sich für oder gegen eine Therapie entscheiden?

Zunächst einmal: Es sind normale Prozesse und Gefühle, dass man als Mutter oder Vater sehr lange brauchen kann, bis man selbst wieder Boden unter den Füßen hat, wieder Kraft findet und mit der neuen Situation umgehen kann. Es ist kein Zeichen von Versagen, wenn man zwischendurch den Mut verliert oder verzweifelt. Das ist normal. Man muss viel in seinem Leben umorganisieren und nicht nur äußerlich, sondern auch im Bewusstsein und akzeptieren: „Mein Leben läuft anders als ich es mir vorgestellt habe. Was kann eigentlich jetzt mein Lebenssinn sein?“ Es verschieben sich viele innere Werte und damit muss man sich auseinandersetzen. Hier können Gespräche im Familien- und Freundeskreis, in Selbsthilfegruppen oder mit einem Psychotherapeuten hilfreich sein.

Was sind Kriterien für eine gute Therapie?

Grundlage einer guten Therapie ist ein stabiles Vertrauensverhältnis und ein offener Dialog zwischen Eltern und Therapeuten. Dazu gehört, dass Eltern wissen, was die Stärke des Therapeuten ist, was er will, was die Therapie bewirken kann und was nicht. Dass also zu Beginn der Therapie der Rahmen, die Ziele und die Möglichkeiten besprochen werden, damit jeder autonom entscheiden kann: Was kommt auf mich und mein Kind zu, was ist die Chance und was ist vielleicht der Nachteil der Therapie. Jede Therapie ist mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden, wodurch anderes nicht gemacht werden kann. Die Eltern sollten sich also zunächst fragen: Was ist uns wirklich wichtig, und was ist für das Kind wirklich wichtig?

Wie gelingt es, sich Zeit für diese Entscheidungen zu nehmen?

Die Angst, sich hilflos zu fühlen, ist das Schlimmste, für Eltern wie Therapeuten. Und da gilt es, die Balance zu finden zwischen übereiltem Handeln und zu langem Zögern. Hilfreich kann es sein, sich zu fragen: „wo mache ich etwas, um mich zu beruhigen, nichts versäumt zu haben, wo ist wirklich schnelles Handeln angesagt, und wo kann ich Dinge auch nacheinander angehen und dem Kind Zeit geben“.

Ist es ratsam, eine Therapie zu beenden, von der man als Mutter oder Vater nicht überzeugt ist?

Ich denke, ja. Manchmal kann es einfach dauern, bis Eltern einen Therapeuten gefunden haben, bei dem sie sich gut aufgehoben fühlen. Denn alles, was von den Eltern nicht wirklich mitgetragen wird, wirkt negativ auf die Kinder. Sie bekommen die Gefühle der Eltern und ihre Haltung zur Therapie mit. Wenn die Botschaft der Eltern lautet: „Das ist sinnlos oder schlecht, was dort in der Therapie geschieht“, dann wissen die Kinder nicht mehr, wem sie es eigentlich recht machen sollen. Solche widersprüchlichen Botschaften bewirken, dass die Therapie das Kind eher verunsichert statt ihm zu helfen.

In welcher Form ist Ihnen das in ihrer Praxis begegnet?

Es kamen Eltern zu mir, die sagten: „Ich will diese Form der Therapie nicht mehr, sie fügt meinem Kind Schmerzen zu. Aber mir wird gesagt, das muss sein und wenn ich es nicht tue, füge ich meinem Kind Schaden zu. Ich halte das nicht mehr aus und kann mit der Therapeutin nicht reden.“ Eine solche Form der Sprachlosigkeit verurteilt die Therapie meist zum Scheitern. Also eine Therapie, die nicht von den Eltern getragen wird, die nicht zu dem Kind passt, oder bei der es keinen guten Kontakt und Austausch zwischen Eltern, Kind und Therapeut gibt, nützt kaum etwas.

In welchen Situationen ist es besser, zugunsten einer Therapie auf eine andere zu verzichten?


Ich stehe in engem Kontakt mit einem Integrationskindergarten, in dem Ergotherapeuten und Logopäden arbeiten. Dort ergab sich z. B. häufiger die Frage: eigentlich bräuchte das Kind beides, sollen wir das machen? Wir haben zunächst beobachtet, zu welcher Therapeutin das Kind einen guten Kontakt hat und es gerne mitmacht. Im Gespräch kamen wir dann oft zu der Lösung, dass es in solch einer Situation besser ist für das Kind, zwei Stunden bei einer Therapeutin zu haben – bei der, mit der es am besten zurechtkommt – als jeweils eine Stunde bei zwei verschiedenen. Und meist stimmten beide Therapeutinnen zu, da vieles auch ein halbes Jahr später ohne Schaden für das Kind angegangen werden kann. Manchmal gelang es auch, Elemente der einen Therapie in die andere zu integrieren, statt die Therapie zeitlich zu splitten. Entscheidend war, was die Beziehungskontinuität und die Lebensfreude des Kindes unterstützt. Denn das Kind hat nur eine Seele und die ist nicht teilbar.

Gibt es Situationen, in denen Eltern ihre Bedenken in Bezug auf die Entwicklung ihres Kindes auch entgegen der Aussagen von Fachleuten weiter verfolgen sollten?

Ja, natürlich. Eltern kommen und sagen: „Wir hatten bereits im ersten Lebensjahr den Verdacht, dass das Kind sehr viel zurückgezogener war als seine Geschwister, aber der Kinderarzt sagte: „das wächst sich schon aus, nur Geduld.“ Wir wurden in unserer Wahrnehmung gar nicht ernst genommen. Und jetzt, nach zwei Jahren, wird erst untersucht, ob das Kind vielleicht autistisch ist.“ Ich habe festgestellt, dass die Eltern die besten Beobachter ihrer Kinder sind, gerade auch bei Entwicklungsverzögerungen. Und wenn Eltern mit dieser Fragestellung nach außen gehen, muss man das sehr ernst nehmen. Entweder beschäftigt man sich dann selbst ausführlich mit dem Kind, oder überweist die Eltern an andere Stellen, wenn man unsicher ist. Aber diese Unsicherheit muß man sich als Mediziner oder Therapeut erst mal eingestehen, und das fällt einigen Fachleuten schwer.

Sie kritisieren, dass Eltern häufig viele gute Ratschläge bekommen, die die Lebenswirklichkeit der Familien und ihre Bedürfnisse gar nicht wahrnehmen. Was müsste sich ändern?

Viele Fachleute können nicht zuhören. Sie hören drei Sätze und wissen schon, was zu tun ist. Dabei hören sie nicht zu, um was es wirklich geht. Es gibt für sie nur eine Lösung. Wichtig ist jedoch, erst einmal herauszufinden, was die Bedürfnisse des Kindes, der Eltern und der ganzen Familie sind, und was vor dem Hintergrund ihrer Lebenswirklichkeit jetzt wichtig ist.
Ich wollte es selbst lange nicht wahrhaben, was es für die Familien bedeutet, ein behindertes Kind zu haben. Im Kontakt mit den behinderten Kindern und ihren Familien habe ich mich immer öfter gefragt, ob ich dem gerecht werde, und was es eigentlich mit mir macht. Will ich nicht auch nur schnell regeln und mal hier oder dort eine Therapie finanzieren, und dann bin ich das Problem los? Oder bemühe ich mich wirklich zu verstehen, um was es geht, um erst dann zu fragen, was Sinn macht?
Heute versuche ich vor allem, gemeinsam mit den Eltern Zugang zu den Kräften zu finden, über die die Familie und das Kind verfügen, und die wir gemeinsam fördern und unterstützen können, um dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen.

Das Gespräch führte Alexandra Hoffmann (entnommen aus dem Lebenshilfe-Magazin „Unser Kind“). Zu bestellen gegen eine Schutzgebühr von fünf Euro - größere Mengen zu Sonderkonditionen - bei Vertrieb@lebenshilfe.de
Organisation:
Bundesvereiniguhng Lebenshilfe
 
Autor:
Alexandra Hoffmann
 
Quelle:
Lebenshilfe-Zeitung 2/2010
 
Veröffentlichung:
15.07.2010, 13:39Uhr
 
 
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