In welcher Gesellschaft leben wir – heute und in Zukunft?
Dieser Frage gingen Fachleute auf einem zweitägigen Kongress der Bundesvereinigung Lebenshilfe nach. Mehr als 1100 Menschen nahmen daran teil. Zur Eröffnung im Berliner Hotel Maritim konnte Bundesvorsitzender Robert Antretter den Präsidenten des Deutschen Bundestages begrüßen: Prof. Dr. Norbert Lammert.
Der Kongress soll neue Impulse geben und eine Brücke zur Praxis schlagen, kündigte der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Robert Antretter, zu Beginn der Tagung an. Der für die Behindertenhilfe so zentrale Begriff „Teilhabe“ betreffe ebenso alte, arbeitslose und arme Menschen wie Familien, die aus anderen Ländern zugewandert sind. Antretter: „Darüber wissen wir noch zu wenig.“ Für die Arbeit der Lebenshilfe sei deshalb fundiertes Wissen über gesellschaftliche Zusammenhänge erforderlich.
Bundestagspräsident Norbert Lammert sprach über die „gesellschaftlichen Ansprüche auf der einen Seite und die gesellschaftlichen Realitäten auf der anderen“. Ohne breites bürgerschaftliches Engagement wie das der Lebenshilfe könne der Staat seine Aufgaben nicht erfüllen. Er wünschte der Lebenshilfe gesellschaftliche Anerkennung – für ihre Arbeit und die Menschen mit geistiger Behinderung.
Der CDU-Politiker zeichnete eher ein düsteres Zukunftsbild: „Wir leisten uns Jahr für Jahr mehr, als wir leisten.“ Er ging auf den konstant hohen Anteil der Sozialausgaben an den öffentlichen Haushalten ein, auf die europäische Schuldenkrise, den Rückgang und die Überalterung der Bevölkerung sowie den Umgang mit Zuwanderern in Deutschland. „Es ist schon einigermaßen merkwürdig“, stellte der Bundestagspräsident fest, „dass die gleiche Gesellschaft, die keine Kinder großziehen will, keine Migration haben will.“ Auf die Frage „Wie geht es mit unserem Sozialstaat weiter?“ – und nach Ansicht von Lammert hat Deutschland der Welt die Erfindung des Sozialstaats geschenkt – wusste der Bundestagspräsident keine Antwort. In einer Demokratie „entscheidet die Gesellschaft selbst über ihr Schicksal“. Und die Richtung könne sich mit jeder Wahl ändern.
Da wurde Prof. Dr. Christoph Butterwegge von der Universität Köln, der gleich im Anschluss an den Bundestagspräsidenten seinen Vortrag hielt, schon deutlicher. Der Sozialstaat dürfe nicht mit neoliberalen Begründungen in Frage gestellt und abgebaut werden, etwa um mit der Globalisierung Schritt halten zu können. Butterwegge: „Der Sozialstaat ist kein Klotz am Bein der Wirtschaft, sondern ihre Voraussetzung.“ Konkurrenzfähig auf den Weltmärkten seien vor allem hochentwickelte Industrieländer mit sozialen Sicherungssystemen. Gemessen an der Bevölkerungszahl liege Chinas Wirtschaftsleistung klar hinter Deutschland. Der Wissenschaftler warnte eindringlich vor einer Spaltung der Gesellschaft zwischen Armen und Reichen, wie es in den USA zu beobachten sei. Dass Deutschland so hoch verschuldet ist, sei die Folge falscher Steuerpolitik. Verteilungsgerechtigkeit müsse die Basis für Teilhabegerechtigkeit sein, so der Professor. Und das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit dürfe nicht durch sogenannte Leistungsgerechtigkeit ersetzt werden. „Nein“, betont Butterwegge, „der Sozialstaat muss für die da sein, die Hilfe brauchen – Obdachlose, Drogenabhängige, Menschen mit Behinderung!“
Neben dem Kölner Wissenschaftler nahmen während der zwei Kongresstage weitere Expertinnen und Experten die Gesellschaft unter die Lupe. Die Themen reichten von den sozialen Auswirkungen des demografischen Wandels bis hin zu Strategien der Leistungsträger im Zeitalter von Inklusion.
„Sozialräume gestalten statt Sondersysteme befördern – zur Funktion sozialer Freiräume bei der Gestaltung einer inklusiven Infrastruktur“, lautete einer der pointiertesten Vorträge. Was Prof. Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen unter dieser langen Überschrift mit viel Wortwitz schilderte, waren handfeste praktische Erfahrungen im Bereich der Integration und des Quartiersmanagements. Worauf verwenden Menschen Energie? Was macht ihnen Spaß? Diese Fragen sind für Professor Hinte der Schlüssel, um Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen gelingen zu lassen. Erfolgreiche Sozialarbeit sieht er eher als Initiator, nicht als Assistenz, die sich an Defiziten der Klienten orientiere.
„Ich bin ein bekennender Rationalisierer“, provozierte Thomas Schmitt-Schäfer das Publikum: Als Berater kommunaler Teilhabeplanung gehe es ihm darum, soziale Hilfen vernünftiger – und damit wirksamer zu machen. Zentral im Planungsprozess seien die Beteiligung der Betroffenen und der persönliche Austausch aller Beteiligten in Zukunftskonferenzen.
Budgets für die ganze Gegend – und daraus Hilfen, die passgenau für den Einzelnen sind? Das ist kein Widerspruch, ganz im Gegenteil! Prof. Dr. Ingmar Steinhart von der Universität Greifswald lieferte einen spannenden Bericht über zehn Jahre Erfahrung mit Regionalbudgets im Bereich der Sozialpsychiatrie.
In fünf parallelen Foren diskutierten die Kongress-Teilnehmer zudem über berufliche Perspektiven für Menschen mit Behinderung sowie ihre Selbsthilfe und Selbstvertretung, über Wohnkonzepte der Zukunft, die Schule für Alle und inklusive Sozialraumgestaltung. Hier wurde deutlich, dass sich die Lebenshilfe – über die Unterstützung behinderter Menschen hinaus – als Mitgestalter eines solchen Gemeinwesens verstehen sollte. Es sei wichtig, dass sich dieses Selbstverständnis weiter verbreite. Dafür, dass Engagement im Sozialraum für alle gewinnbringend ist, muss aber noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden – bei Kommunen, Vereinen und Unternehmen.
Ausführlich dokumentiert ist die Tagung in Wort und Bild unter:www.lebenshilfe-fachkongress.de
Unterstützt wurde der Lebenshilfe-Fachkongress von: der Aktion Mensch, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Barmer GEK, der DAK und der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG.
Stimmen und Stimmungen
Beate Fritz: „Das hier ist mein erster richtiger Fachkongress!“ Sie ist mit einer Gruppe und ihren Unterstützern aus Sinzig angereist. Sie ist im Werkstattrat und möchte für ihre Arbeit neue Anregungen mit nach Hause nehmen. Das gleiche gilt für fast alle Kongressteilnehmer mit Handicap: Sie alle engagieren sich für die Belange von Menschen mit Behinderung und sind oft in mehreren Räten oder Beiräten.
Gerade kommt Beate Fritz aus dem Saal Madrid. Hier finden parallel zum Programm im großen Plenarsaal Vorträge in Leichter Sprache statt. Es wurde heiß diskutiert. Grundlage dafür war der Vortrag von Prof. Dr. Ingmar Steinhart zum Thema „Hilfe, die passt“. Denn alle Referenten haben vor Kongressbeginn ihre Vorträge eingereicht, damit sie in Leichte Sprache übersetzt werden konnten. „Das finde ich super“, meint Beate Fritz. Und ihr Kollege Jan Assenmacher ergänzt: „Vor allem gefällt mir, dass wir anschließend darüber reden können. Hier darf jeder seine Meinung sagen, und ich finde es total interessant, was die anderen zu erzählen haben.“
Margot Stieler, stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe Dinslaken: „Der Kongress hat viele gute Anregungen gegeben, die auch zeigen, bei der Inklusion muss nicht immer alles teurer werden. Wir müssen Wege finden, uns allgemein aber gerade bei der Inklusion von der Defizitorientierung zu lösen. Ohne allerdings die notwendige Unterstützung zu gefährden.“
Wolfgang Kleem, stellvertretender Vorsitzender der Lebenshilfe Unterer Niederrhein: „Der Kongress hat wertvolle Impulse gebracht, den Paradigmenwechsel hin zur Inklusion, der in den verschiedenen Aufgabenfeldern noch unterschiedlich ausgeprägt ist – beim Wohnen zurzeit schon mehr als beim Arbeiten – weiter voranzubringen. Im Sinne eines „Fördern und Fordern wünsche ich mir eine aktive Beteiligung behinderter Menschen, die auch von ihnen begrüßt und eingefordert wird.“
Monika Neuhaus, Elke Puhl, vom Ruhratelier der Lebenshilfe Waltrop: „Der Kongress hat aufgezeigt, wo wir jetzt stehen bei der Inklusion. Und er hat Visionen aufgezeigt. Die sind gerade für dieses Thema wichtig!“
Carsten Hilbrich, Integra GmbH: „Inklusion ist für mich der tiefe Wille aller Menschen. Der Kongress bringt Vieles zum Ausdruck, was unterschwellig schon da ist.“
Ingrid Valtinke, Lebenshilfe Freudenstadt: „Mich begeistern die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Thema Inklusion. Das ist eine große Chance für Menschen mit Behinderung.“
Uve Lüders, Geschäftsführer der Lebenshilfe Main-Taunus: „Wir werden hier in unserem Weg bekräftigt. Aber es wird insgesamt nicht einfach sein, die Köpfe frei zu bekommen und die alten Strukturen aufzubrechen.“ Er ist mit seinen Mitarbeiterinnen Julia Sutter und Annette Flegel nach Berlin gereist, um die Beratungsstelle „STARK“ und den Treffpunkt „Leichte Sprache“ auf der Projektmesse vorzustellen.
Themenübersicht Inklusion
© 2007 - 2013 Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de