Weil sie ihren schwerstbehinderten Sohn selbstlos fünf Jahrzehnte rund um die Uhr pflegte und ihm damit eine Heimunterbringung ersparte, wurde die Tönisvorster Bürgerin Sabine Müller (Name von der LHZ-Redaktion geändert) mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Bei der Verleihung betonte die stellvertretende Landrätin des Kreises Viersen, Angelika Thiel-Hedderich, dass dank der aufopfernden Betreuung durch die Mutter der Sohn in der häuslichen Geborgenheit leben und weitgehend am normalen Alltag teilnehmen konnte. Sie habe Maßstäbe für menschliche Anteilnahme und Hilfsbereitschaft gesetzt.
Sabine Müller habe in fünf Jahrzehnten weder eine Kur noch Urlaub gemacht, um ihren Sohn nicht allein lassen zu müssen, der an den Folgen eines frühkindlichen Hirnschadens leidet und deshalb Hilfe bei allen täglichen Verrichtungen braucht. Außerdem habe Sabine Müller durch die persönliche Pflege ihres Sohnes rund um die Uhr der Solidargemeinschaft eine große Menge Geld gespart, da Pflegeplätze für schwer behinderte Menschen heutzutage sehr teuer seien. Die Pflege sei für sie persönlich eine starke Belastung gewesen, die sie aber über 50 Jahre auf sich genommen habe. Das verdiene Anerkennung.
Aus dem Stadt-Spiegel Tönisvorst
Dazu stellte sich Claudia Mevissen in “Moment mal”, der Schülerzeitung der Franziskusschule in Viersen, folgende Frage:
Bin ich eine “Rabenmutter”?
Auf diesen Artikel hat mich ein Mitglied des Lehrerkollegiums der Franziskusschule aufmerksam gemacht. Das Bild und die Überschrift machten mich zuerst nicht stutzig, außer dass die Mutter des behinderten Mannes nicht sehr glücklich wirkt. Im Gegenteil: Sie machte auf mich eher einen verhärmten Eindruck. Allerdings sieht man selbst auf Fotos auch nicht immer so klasse aus und wird oft dann fotografiert, wenn man ein “unpassendes” Gesicht macht. Als ich dann den Text las, wuchs zunehmend der Ärger in mir:
Gute Mütter machen nie Urlaub und beanspruchen nie eine Kur? Gute Eltern helfen der Solidargemeinschaft, Kosten zu sparen und betreuen ihr Kind ein Leben lang selbst?
Dieses Verhalten gilt als Maßstab für alle Eltern behinderter Kinder?!
Umgekehrt heißt es: Eltern, die ihre Kinder als Erwachsene in die behütete Selbstständigkeit eines Wohnheims geben, sind schlechte Eltern, Rabeneltern!?
Es geht mir nicht darum, Frau Müller persönlich zu kritisieren. Das steht mir nicht zu. Was mich jedoch auf die Palme bringt, ist, dass dieses Verhalten als allein richtig und erstrebenswert dargestellt wird, frei nach dem Motto: “Nehmt euch an dieser Frau ein Beispiel. Die schiebt ihr Kind nicht in ein Heim ab.”
Der moralische Zeigefinger ist kaum zu übersehen. Diese Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz empfinde ich als einen Schlag ins Gesicht für alle Eltern, die sich für ein möglichst selbstständiges und selbstbestimmtes Leben ihrer Kinder einsetzen. Es ist oftmals schon schwer genug, gegen die eigenen Gewissensbisse anzukämpfen, denn schließlich hat fast jede(r) von uns Idealvorstellungen von einer guten Mutter oder guten Eltern verinnerlicht. Sich von diesen Vorstellungen zu trennen, ist schwer.
Den Ablösungsprozess von einem Kind, das nicht im üblichen Sinne erwachsen wird, als Eltern aktiv zu betreiben, ist noch schwerer. Und der endgültige Schritt, der Auszug, wird für mich als Mutter eines behinderten Jugendlichen bestimmt ganz schwer sein. Mein Mann und ich werden viel Ermunterung und Bestätigung brauchen, um diesen Weg gehen zu können. Das, was wir und unser Kind ganz bestimmt nicht brauchen können, ist der öffentliche Stempel “Rabeneltern”!