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Seitdem ich meine Tochter habe, bin ich nicht mehr doof

“Meine Eltern sind im Kopf behindert, weil sie nicht so gut denken können, besonders der Papa! Der Papa kann nicht lesen, deshalb erzählt er mir manchmal so tolle Geschichten! Ich finde es blöd, dass meine Eltern behindert sind, weil ich sie zu lieb habe.” Sarah ist jetzt zehn Jahre alt und geht auf eine Schule für geistig behinderte Kinder. Als sie noch ein Baby war, berichtete die Lebenshilfe-Zeitung darüber, dass sie und ihre Eltern von Elisabeth Müllers-Heymer auf deren Bauernhof betreut wurden. Die Fachpädagogin berichtet nun, wie es weiterging.

Das Projekt, welches 1991 mit Elke und Heinz Fongern sowie deren Tochter Sarah begann, wurde 1998 auf deren Wunsch erweitert. Die Mutter wünschte sich eine Freundin: “Ich möchte nicht mehr alleine hier wohnen und mich mit niemandem austauschen können, der mich so richtig versteht!” Auch für Sarah wäre es nicht schlecht, eine Spielkameradin zu haben, die zu ihr passt.

Elke Fongern kannte aus der Werkstatt Roswitha Feldbusch, eine alleinerziehende Mutter mit ihrer sechsjährigen Tochter Nora. Roswitha Feldbusch wollte, nachdem ihre Mutter gestorben war, mit ihrem Kind auf eigenen Füßen stehen, und nun bot ihr die Lebenshilfe dazu die Möglichkeit.

Als die Erweiterungsmöglichkeit bekannt wurde, kamen Anfragen mehrerer Einrichtungen. Wir beschlossen jedoch, nur noch ein Paar ohne Kinder aus der Lebenshilfe Viersen aufzunehmen, da sie schon lange eine gemeinsame Wohnung suchten.

Der Alltag auf dem Bauernhof gestaltete sich nun völlig anders. Elke, Heinz und Sarah standen nicht mehr permanent im Mittelpunkt. Die neue Mitbewohnerin mit Kind forderte immer wieder unseren verstärkten Einsatz heraus, weil sie Schwierigkeiten hatte, ihre Emotionalität und Ungeduld unter Kontrolle zu bekommen und die Verantwortung für Nora zu übernehmen.

Es entstand ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den Eltern: “Wer hat das beste Kind, wer kann alles am besten, wer bekommt die meiste Zuwendung?” Daraufhin entschloss sich das Paar ohne Kind, lieber doch nicht Eltern werden zu wollen. Die beiden genossen ihre Zweisamkeit – bis zur Trennung im vorigen Jahr. Nun wurden eine gezielte Trennungsbegleitung und die Hilfe eines Psychologen notwendig.

Mittlerweile hat die Frau einen neuen Freund. Ihr Wunsch: In einigen Jahren zusammenzuziehen, “wenn seine Eltern es dann erlauben”.

Inzwischen sind die anfänglichen Schwierigkeiten mit der besonderen Konstellation auf dem Hof überwunden. Das Leben verläuft weitestgehend normal. Man tauscht sich aus, lernt voneinander, sieht die Problematik eines Jeden, kann ihn trotzdem akzeptieren. Ab und zu, wenn es wieder einmal schlimm wird, wird mit Auszug gedroht. Dann sehen die Frauen jedoch sehr schnell wieder, was für Folgen dies für ihr Familienleben hätte. Meine Erfahrung nach zehn Jahren: Wenn geistig behinderte Menschen Eltern werden, sind sie sehr wohl in der Lage, eine intensive Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Ihre Gefühlswelt ist meist in Ordnung.

Probleme gibt’s bei der Kontinuität der Pflege, Ernährung und Erziehung. Wie alle Eltern haben auch geistig behinderte den Anspruch, dass es ihren Kindern einmal besser geht, und dies ist eine gute Basis, Dinge zu erlernen, die für die Entwicklung ihrer Kinder von Vorteil sind.

Wichtiges Beispiel für unsere Mitbewohner ist mein eigenes Familienleben, welches sie täglich hautnah miterleben.

Früher gab ich Ratschläge, heute ist es manchmal umgekehrt: “Elisabeth, du musst dir einen Haushaltsplan für alles machen, dann hast du mehr Freizeit!”, so Roswitha. Was bedeutet es für die Eltern, geistig behindert zu sein und ein Kind zu haben? Elke: “Dass ich eine Mutter bin und Kinder gern habe.” Roswitha: “Ich bin anders angesehen. Niemand sagt mehr, ich bin doof. Nachdem ich Nora hatte, sagten alle: ’Hast du gut gemacht!’ Jetzt bin ich nicht mehr doof! Im nächsten Jahr will ich den Hauptschulabschluss machen! Den Test hab’ ich bestanden.”

Heinz: “ Ich bin genau so ein guter Vater wie dein Mann und andere Männer auch! Ich gehe anständig mit Sarah um, bringe ihr Regeln bei, wie weit sie mit dem Fahrrad fahren darf und wann sie zu Hause sein muss, pünktlich!”

Elke: “Ich muss davon ausgehen, dass ich, wenn ich behindert bin, auch ein behindertes Kind bekomme! Ich wünsche mir, dass Sarah die Kontakte zu ’normalen’ Kindern behält. Meine Tochter lernt langsamer, damit musste ich mich erst abfinden. Trotzdem hoffe ich, dass Sarah sich weiterentwickelt und noch viel lernt und später eine Ausbildung schafft.”

Roswitha: “Ich wünsche mir für Nora das Gleiche. Sie will Krankenschwester werden, deshalb muss sie auf die andere Schule, auf die Lernbehinderten-Schule.” Heinz: “Ich will, dass Sarah später einen guten Freund bekommt, und ich Opa werde und Enkelkinder bekomme.”

Was hilft Angehörigen, Betreuern und Lehrern?

  • sich keine Idealvorstellungen zu schaffen
  • keine höheren Anforderungen an geistig behinderte Familien zu stellen als an “normale” Familien
  • sich in der eigenen Familie auszukennen
  • nicht zu schnell Partei für das behinderte Kind zu ergreifen
  • ab und zu Verantwortung zu übernehmen
  • keine Auseinandersetzung zu scheuen
  • nicht vor Hierarchien kapitulieren

Was hilft behinderten Eltern?

  • eine realistische Einstellung zu sich selbst zu entwickeln; die eigenen Möglichkeiten richtig einzuschätzen
  • klare Zielsetzungen an Hand von Modellen zu überdenken
  • Konzeptionen zur Alltagsbewältigung
  • praktische Möglichkeiten zur Verhaltensänderung
  • nicht so sehr danach zu schauen, was kann ich nicht, sondern was habe ich schon alles geleistet – Bewusstmachung eigener Fähigkeiten und Erfolgserlebnisse
  • elterliche Funktionen gegenüber Schule und Werkstatt zu übernehmen

Welche Angebote helfen weiter?

  • Austausch mit anderen Einrichtungen
  • Vernetzung
  • möglichst viel integrative Arbeit in der Gemeinde
  • Modellangebote zur Weiterentwicklung
  • Einrichtungen Konzeptionen integrieren zu Themen wie Freundschaft, Partnerschaft, Liebe und Sexualität
  • Unsicherheiten durch vorherige Klärung mit der Leitung ausschalten
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • mit den Angehörigen arbeiten

Kontakt: Elisabeth Müllers-Heymer, Escheln 28, 47906 Kempen

Verlag

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Elisabeth Müllers-Heymer
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 3/2001 vom 15.09.01
 

Veröffentlichung

15.09.2001, 12:20 Uhr
 
 
 
 
 
© 2007 - 2012 Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de