Jenseits des Alltags

Interview mit Norbert Müller-Fehling über so genannte Wunderheiler

Mit Überschriften wie „Der Wunderheiler von Truskavetz“ tauchen immer wieder Sensationsberichte auf und wecken Hoffnungen auf Heilung bei behinderten Menschen und Eltern behinderter Kinder. Die Lebenshilfe-Zeitung fragt Norbert Müller-Fehling, Geschäftsführer des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte, nach seiner Einschätzung zu solchen Berichten und nach dem Umgang damit.

Herr Müller-Fehling, gerade vom Gehirn ausgehende Bewegungsstörungen (Cerebralparese, kurz: CP) scheinen immer wieder neue Behandlungsmethoden hervorzubringen und alte zu beleben. Woran liegt das?
Die hirnorganischen Zusammenhänge einer CP sind nur schwer zu verstehen, zum Teil auch noch nicht vollständig erforscht. Das löst vielfältige Phantasien aus, wie sie zu überwinden sind. Hinzu kommt, dass die Bandbreite sehr groß ist. Es gibt die studierte Spastikerin und den Geige spielenden Spastiker. Das nährt die Hoffnungen, mit der richtigen Therapie und einem entsprechend großen Einsatz sei fast alles zu erreichen. Die großen medizinischen Fortschritte, wie zum Beispiel in der Chirurgie, gibt es in der CP-Behandlung nicht. Es überwiegen die kleinen Schritte und Erfolge. Da ein ausgeprägtes Interesse an der etablierten Medizinforschung fehlt, entsteht Raum für Außenseiter.

Es gibt in Deutschland mit der Frühförderung, den Kindergärten und Schulen ein differenziertes Angebot für behinderte Kinder. Was suchen die Eltern im Ausland?
Unser zergliedertes Förder- und Behandlungssystem lässt die Eltern ahnen, dass etwas fehlt. Sie suchen, und zum Teil finden sie es, in den Angeboten, wie sie Dr. Kozijavkin macht. Der Kern der Behandlung ist hier die manuelle Wirbelsäulentherapie. Damit sollen, vereinfacht ausgedrückt, Blockierungen in den Nervenbahnen der Wirbelsäule aufgehoben werden, die Durchblutung verbessert werden und durch eine bessere Informationsvermittlung zwischen Gehirn und Muskulatur erfolgen. Mit dem Mehr an kontrollierter Bewegungsfähigkeit sollen behindernde Bewegungsmuster überwunden und neue erlernt werden. Der Rest der Behandlung ist ein Bündel von wirksamen und unwirksamen Maßnahmen und exotischen Anwendungen, die den dreiwöchigen Aufenthalt in der Ukraine ausfüllen und der Behandlung das nötige Gewicht geben sollen. Einen Teil der Wirkung erzielt die Behandlung dadurch, dass während des Aufenthaltes sehr intensiv mit großem personellen Aufwand Eltern und Kinder in den Mittelpunkt aller Bemühungen gestellt werden. Etwas, was die Eltern sonst in Deutschland häufig vermissen.

Ist das die Erklärung für die angeblichen Wunder?
Zum Teil. Zu einem anderen Teil haben die Erfolge die gleichen Ursachen wie die der Delphine in Florida. Die Eltern bemühen sich über Monate die Therapie zu ermöglichen, sammeln Gelder, führen Auseinandersetzungen mit Krankenkassen, organisieren und planen. Das führt zu einem Erwartungsdruck beim Kind, den Eltern und ihrem Umfeld, der nur durch den Erfolg gelöst werden kann. Da nichts wissenschaftlich bewiesen ist, erlaube ich mir zu glauben, dass nicht die Methode die Wirkung erzielt, sondern die Begleitumstände, unter denen die Behandlung erfolgt: die ungeteilte Aufmerksamkeit gegenüber Eltern und Kind, die Vielfalt neuer Angebote und Erfahrungen und die intensive Beschäftigung mit dem Kind über zwei bis drei Wochen in einer anregenden Atmosphäre jenseits des Alltags.

Was aber hilft Eltern und Kindern nun wirklich?
Die Frage ist so nicht zu beantworten. Therapie und Förderung sind unendlich wichtig für die Entwicklung behinderter Kinder. Aber fast alle wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, dass es nicht entscheidend ist, mit welcher Methode behandelt wird. Wichtig ist, dass ein motivierendes, anregendes Angebot gemacht wird und eine emotional tragfähige Beziehung von Eltern, Kind und Therapeut/Pädagoge entsteht. Das spricht sehr für interdisziplinäre Konzepte, wie wir sie mit der Komplexleistung umzusetzen versuchen.

Was raten Sie den Eltern?
Wir raten den Eltern nicht von einem Besuch in der Ukraine oder bei den Delphinen ab. Wir geben die gewünschten Kontaktadressen, können und wollen aber die Finanzierungsbemühungen der Eltern nicht unterstützen. Wir versuchen, durch fundierte Informationen über die Behinderung und über Behandlungskonzepte den Eltern eine informierte Entscheidung für oder gegen Behandlungsangebote zu ermöglichen. Vor allem aber versuchen wir zu verhindern, dass die Eltern angesichts allzu verlockender Therapieangebote sich, ihre Kinder und ihre Familie aus dem Auge verlieren. Wir möchten Eltern darin bestärken, ihren eigenen Empfindungen und Bedürfnissen zu trauen, sie mit Fachkräften zu reflektieren und an die Entwicklungskompetenz ihrer Kinder zu glauben. Modeströmungen, vermeintliche Expertenmeinungen und der Druck von außen dürfen dies nicht behindern.

Weitere Informationen zum Thema:

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Lukas war dabei

Kontaktadressen

Organisation

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 2/2006
 

Veröffentlichung

10.02.2004, 12:52 Uhr
 
 
 
 
 
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