Rebecca (12), schwer geistig behindert, hat an ihren neuen bleibenden Zähnen immer wieder hartnäckigen Zahnbelag – das tägliche Zähneputzen trägt die Züge eines Ringkampfes.
Stefan (15), mit Down-Syndrom, ist stolz darauf, wie gut er sich selbst die Zähne putzen kann. Beim Zahnarzt macht er dennoch den Mund nicht auf.
Susanne M. (40), mit mehrfacher Behinderung, ist im Mundbereich so empfindlich, dass sie bei der Zahnpflege sofort eine einschießende Muskelverkrampfung bekommt. Dabei hat sie immer wieder Entzündungen und Zahnfleischwucherungen als Nebenwirkung ihrer Medikamente.
Hans K. (35), mit schwerer Behinderung, isst seit einiger Zeit nicht mehr richtig. Nun jammert er den ganzen Tag. Ein völlig vereiterter Backenzahn wird als Ursache gefunden.
Kaum einem, der Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung kennt, dürften diese Probleme ganz fremd sein. Tatsächlich sind Zahn- und Zahnfleischerkrankungen bei Menschen mit Behinderungen häufiger und die Vorbeugung und Behandlung oft schwieriger.
Menschen mit geistiger Behinderung – Stiefkinder der medizinischen Versorgung? Unter diesem Titel fand in Berlin ein internationaler Kongress der Bundeszahnärztekammer statt, der die Erkenntnisse zur zahnärztlichen Versorgung von Menschen mit Behinderungen zusammengetragen hat. Als erster wichtiger Punkt ist die Zahnpflege zu erwähnen. Es wurden Hilfsmittel für die Zahnpflege und Vorbeugung vorgestellt, die besonders wirkungsvoll sind. So gibt es eine Zahnbürste, die mit drei Bürsten die Zahnreihe umfasst und besonders gründlich reinigt.
Anmerkung der Redaktion: Diese Zahnbürste trägt den Produktnamen "Superbrush" (Hersteller: Dr. Dagmar Lohmann in Berlin) und ist über Apotheken zu beziehen. Die meisten Apotheken haben diese Zahnbürste zwar nicht vorrätig, können sie aber bestellen. Die Superbrush kostet zwischen 3,50 und 4,- Euro.
Daneben ist das Abreiben der Zähne mit Mikrofasertüchern eine gute Möglichkeit, gründlich zu reinigen, gerade wenn eine Bürste nicht akzeptiert wird.
Damit ein "Zubeißen" während der Reinigung vermieden werden kann, gibt es ein Zahnbänkchen, das den Mund auf angenehme Weise offen hält. Es eignet sich auch als Hilfsmittel bei einer professionellen Zahnreinigung in der Praxis. Diese sollte bei einer Neigung zu Zahnsteinbildung und daraus folgender Zahnfleischentzündung einmal im Quartal stattfinden. Die Behandlung in einer Praxis kann durch vielerlei Maßnahmen erleichtert werden. Ganz wesentlich ist es, eine ruhige, vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Helles Licht, typische Gerüche und ein Zahnarztstuhl, auf dem man wie auf dem Präsentierteller sitzt, sind für Menschen mit Wahrnehmungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten ein Problem, schon bevor die Behandlung begonnen hat. Ein Abdunkeln der Deckenbeleuchtung, Kissen zur bequemen Lagerung und kein Zeitdruck sind einfache Hilfsmittel. Aber auch hier gilt: Unterschiedliche Vorlieben machen eine individuelle Behandlung unumgänglich.
Doch, mag sich mancher fragen, welcher Zahnarzt ist hierzu bereit? Im Moment wird eine Liste von Zahnärzten erstellt, die sich auf die Behandlung von Menschen mit Behinderungen spezialisiert haben. Ansprechpartner, die weiterhelfen können, sind die Landeszahnärztekammern sowie die Arbeitsgemeinschaft für zahnärztliche Behindertenbehandlung.
Diese speziellen Ärzte verfügen auch über das notwendige Wissen. Denn bestimmte Erkrankungen und Fehlbildungen kommen bei geistig behinderten Menschen häufiger vor. Aber auch eine Behandlung unter Narkose, leichter Betäubung oder Beruhigungsmitteln ist diesen Zahnärzten vertraut: Menschen mit einer Behinderung reagieren auf Beruhigungsmittel teilweise gegensätzlich oder reagieren wegen Anfallsleiden besonders empfindlich auf Narkosemittel. An Universitätskliniken gibt es Spezialabteilungen für besonders eingreifende Maßnahmen oder schwerwiegende Problemfälle.
Ein Punkt, auf den immer wieder hingewiesen wurde, ist, dass eine wiederkehrende Behandlung dazu führen kann, dass sie immer besser klappt. Eine bekannte Situation, das Kennenlernen von Zahnarzt, Helferin und Patient, weniger eingreifende Behandlungen bei Besuchen, die nicht erst dann erfolgen, wenn es unumgänglich ist, tragen hierzu bei. Die Initiative der Bundeszahnärztekammer ist sehr zu begrüßen. Trotz aller Hilfsmittel und Erfahrungen werden Zahnpflege und zahnärztliche Versorgung von Menschen mit Behinderungen eine Herausforderung bleiben – wegen der großen Auswirkungen auf die Lebensqualität ist es unverzichtbar, sich ihr zu stellen.
Die Autorin ist Mutter eines geistig behinderten Kindes, Ärztin und Mitglied im Bundesvorstand der Lebenshilfe.