Volltextsuche
 
 
 
Schnellzugriffe
 
 
 
 
Logo mit Link zum Angebot von Institut inForm
 
 
Logo mit Link zum Lebenshilfe-Verlag
 
 
 

Emily ist eine gute Vermittlerin

Ein Hund in der Frühförderung

Frühförderin Claudia Kranz beobachtet mit Freude wie Alexander und Therapiehund Emily zu einem gemeinsamen Spiel finden. Foto: Anja De Bryun

Alexander Korb aus Wiesbaden ist ein unruhiger Junge, dem es schwer fällt, sich zu konzentrieren. Er hat Probleme mit der Wahrnehmung, ebenso mit dem Sprechen. Als der Vierjährige im Juli 2005 mit Frühförderung bei der Lebenshilfe begann, war wenig zu machen, denn er arbeitete kaum mit und verweigerte hartnäckig Aufgaben. Das änderte sich, als Emily Begleiterin seiner Frühförderstunde wurde. Die Hundedame, ein Appenzellermischling, leistet der Frühförderin Claudia Kranz seit September letzten Jahres wertvolle Unterstützung, die sich auf Alexander enorm positiv ausgewirkt hat. "Seit Emily dabei ist, ist er viel ruhiger geworden, und wir sind zu einem ganz anderen Miteinander gekommen", erzählt Claudia Kranz. Heute ist es wieder soweit: Sie und Emily haben einen Termin mit Alexander. Schon kommt der kleine Junge mit seiner Mutter fröhlich die Treppe der Wiesbadener Lebenshilfe herauf und strahlt, als Emily ihn begrüßt.  

Der Spielraum ist bereits vorbereitet. Die Pädagogin und Alexander setzen sich an einen Tisch, auf dem ein großes Brett mit eingezeichneten Straßen steht. Darauf soll er mit Holzklötzen eine Autobahn legen. Die beiden haben noch nicht lange gesessen, da legt sich Emily ganz dicht zu Alexander, der ein bisschen angestrengt wirkt, ab und zu tief seufzt und auf dem Stuhl hin und her rutscht. Während er die Holzsteine legt, geht seine Hand immer mal wieder nach unten zu Emily. Er bleibt aber an seiner Aufgabe dran und führt sie zu Ende, räumt sogar mit auf. Eine tolle Leistung für ihn. Man merkt Alexander an, dass er erleichtert ist, aufstehen zu können. Jetzt wird es aktiver. Eine Kugel-Rollbahn wird auf dem Boden aufgebaut. Emily wird immer mehr ins Geschehen eingebunden, und Alexander wird immer vergnügter. Emily dann auch, denn bald rollen ihr keine Kugeln mehr entgegen, sondern kleine Hundekuchen. Es entwickelt sich ein intensives, lustiges Spiel zwischen Hund und Kind.

Nun versteckt Alexander den Hundekuchen und gibt das Kommado: "Such, Emily!" Er spricht die Worte gut und deutlich aus, was ihm in anderen Situationen oft nicht gelingt. Zu seiner Freude versteht ihn der Hund und macht, was er sagt. Ein Erfolgserlebnis, denn im Umgang mit Emily hat der Junge erfahren, etwas zu bewirken und verantwortlich für das Verhalten des Hundes zu sein.

 

Mehr Vertrauen und Selbstbewusstsein

Dann wird noch ein bisschen getobt, wobei man niemals das Gefühl hat, es könnte irgendwie gefährlich werden. Beide gehen ganz behutsam miteinander um, und Claudia Kranz hat immer ein Auge drauf.  

Die Stunde geht zu Ende, gerne würde Alexander länger bleiben. Seine Mutter sagt: "Mein Sohn würde auch jeden Tag hierhin gehen. 'Kranz, Emily' sagt er immer. Frau Kranz ist eine große Hilfe für uns, und ich glaube auch, dass der Hund einen Zusatznutzen hat. Vielleicht lernt Alexander darüber, sich besser auszudrücken und zu kommunizieren."  

Alexander Korb ist natürlich nicht das einzige Kind, das von Emily profitiert. "Auch andere, haben sich durch sie positiv verändert und gehen jetzt lieber zur Frühförderung. Das bestätigen mir auch die Eltern", freut sich Claudia Kranz.

Was kann der Hund, was der Mensch nicht kann? "Der Hund kann ein guter Vermittler sein, er hat keine Vorurteile und bewertet nicht. Er ist echter und zeigt das, was er im Moment fühlt. Wenn ich beispielsweise ein Kind lobe, denke ich meistens noch was mit oder bin oft schon bei der nächsten Sache. Das Kind spürt meine Erwartungshaltung." Es fällt den Kindern leichter, ein Tier anzusprechen als einen Menschen. "Beispielsweise Kinder, die schlecht zu verstehen sind, leiden ja darunter. Immer wieder wird nachgefragt. Das macht ein Hund eben nicht. Das tut den Kindern gut, stärkt ihr Vertrauen und Selbstbewusstsein", so Claudia Kranz.  

Natürlich sei der Hund kein Allheilmittel, es gebe auch Kinder, die wenig Reaktion auf ihn zeigten. Besonders geeignet sei ein Tier bei Mädchen und Jungen, die Auffälligkeiten wie Alexander aufweisen, die Kommunikationsprobleme und Aufmerksamkeitsdefizite oder autistische Züge haben.

Aber auch schwer mehrfach behinderte Kinder können von der tiergestützten Pädagogik oder Therapie etwas haben. Hier geht es vor allem um Entspannung, um seelisches und körperliches Wohlbefinden durch Nähe und Beieinanderliegen. Untersuchungen haben ergeben, dass sich das ganz direkt auf körperliche Zustände auswirken kann, wie Senkung des Blutdrucks oder weniger epileptische Anfälle. 

Die tiergestützte Pädagogik oder Therapie mit Kindern, aber auch Erwachsenen nahm in Deutschland etwa 1995 ihren Anfang und verbreitet sich wegen ihrer Erfolge zunehmend. Es gibt einzelne Therapeuten, die in ihren Praxen damit arbeiten, und Einrichtungen, wie zum Beispiel die integrative Kindertagesstätte "Regenbogen" der Lebenshilfe Bernburg. Auch im Freizeitbereich werden auf Bauernhöfen Therapietage mit verschiedensten Tieren angeboten. Neben Hunden eignen sich Esel, Pferde, Schafe, Gänse und etliche andere, sogar Fische werden eingesetzt.  

In der Frühförderung, meint Claudia Kranz, sei die pädagogische Arbeit mit Tieren eher noch eine Ausnahme. Es war ihre Initiative, sie in Wiesbaden einzubringen, und die Lebenshilfe hat sich an den Kosten für die berufsbegleitende Ausbildung beteiligt. Diese dauert 16 Monate und findet an zwölf Wochenenden als Blockunterricht statt. Ein Praktikum gehört auch dazu. Bei der Ausbildung gibt es sowohl praktische Anregungen für die Zusammenarbeit von Tier und Mensch, aber es geht auch um die Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung, um artgerechte Tierhaltung und Hygiene.

"Worauf muss ich bei der Hygiene achten, welches Wesen hat welches Tier oder welche Voraussetzung muss ein Therapiehund haben, sind wichtige Fragen", betont Claudia Kranz. Bei Hunden seien Hütehunde, zu denen auch Emily zählt, geeignet. "Zudem darf der Hund nicht zu klein sein, damit er ein bisschen was aushält, aber auch nicht zu groß, damit die Kinder keine Angst vor ihm haben." Das Fell soll kuschelig sein, aber kurz, damit es nicht zum Ziehen verlockt und die Kinder dem Hund wehtun können.  

Für die Auswahl von Emily wurde Claudia Kranz von den Betreibern des Geniushofes in Mainz-Kostheim beraten, die hier viel Erfahrung haben.

Ohne Zweifel, Claudia Kranz hat mit der verspielten und friedfertigen Emily einen guten Fang gemacht. Bald ist Feierabend, und dann geht es nach Hause in den Rheingau. Da hat Emily viel Auslaufmöglichkeiten, die sie nach getaner Arbeit in der Stadt braucht.  

 

Kontakt:
Geniushof in Kostheim, Telefon 06134/640757, Internet: www.geniushof.de und Institut für Soziales Lernen mit Tieren, Ingrid Stephan, Telefon 05073/923282, Internet: www.Lernen-mit-Tieren.de

Verlag

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Anja De Bruyn
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 2/2006
 

Veröffentlichung

06.06.2006, 12:06 Uhr
 
 
 
 
 
© 2007 - 2012 Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de