Immer mehr Paare in unserer Lebenshilfe-Werkstatt äußern einen Kinderwunsch. So sahen wir es als notwendig an, hier Aufklärung zu betreiben.
Zu viert nahmen wir zunächst an der Fortbildung "Fluxus – Eltern auf Probe" teil. Dort erlernten wir den Umgang mit Säuglingssimulatoren. Sie können mit verschiedenen Tagesrhythmen programmiert werden. Ihre Bedürfnisse entsprechen denen echter Säuglinge. Durch unterschiedliches Schreien fordern sie Füttern, Wickeln, Aufstoßen und Schaukeln. Die Elektronik im Babykörper zeichnet alle Vorgänge auf: Häufigkeit der Zuwendung, Art der Behandlung, fehlende Fürsorge und so weiter. Die Puppen sind 53 cm groß und wiegen etwa 3,5 kg.
Für das Seminar mit den behinderten Menschen entschieden wir uns, nicht ausschließlich mit den Puppen zu arbeiten. Uns war es ebenso wichtig, Themen wie Zukunftswünsche, Sexualität und Beziehung zu behandeln.
Fünf Tage lang konnten sich sechs Paare, die vorwiegend geistig oder psychisch behindert sind, intensiv damit auseinandersetzen. Drei Paare leben in einer eigenen Wohnung, ein Paar ist seit drei Jahren verheiratet. Für das Seminar wurden alle Teilnehmenden von der Werkstatt freigestellt.
Während der ersten beiden Tage arbeiteten wir in geschlechtshomogenen Gruppen. Als Material dienten uns Broschüren der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sowie zahlreiche Bücher. Aus dem Schulbiologiezentrum Hannover hatten wir uns lebensgroße weibliche und männliche anatomische Modelle ausgeliehen. Ein weiteres Modell zeigte den Austritt des Kindes aus der Scheide.
Zum Programm gehörte auch der Besuch eines Babyausstattungsgeschäftes. Hier erfuhren die Frauen und Männer, was eine Erstlingsausstattung kostet. Von vielen waren die Kosten schon vorab realistisch eingeschätzt worden, und die meisten gestanden sich ein, diese Kosten gar nicht aufbringen zu können.
An den letzten beiden Tagen wurde intensiv mit den Baby-Simulatoren gearbeitet. Nachdem die Paare den Umgang damit gelernt hatten, sollten sie für zwei Tage und eine Nacht ein "Baby" mit nach Hause nehmen. Mit drei Paaren übernachteten wir in der Werkstatt; ein Paar war in der eigenen Wohnung, ein anderes in seiner WG und das letzte gemeinsam bei den Eltern des jungen Mannes. Die drei Paare, die außerhalb übernachteten, bekamen für den Notfall eine unserer Handy-Nummern.
Davon machte dann tatsächlich auch ein Paar Gebrauch. Völlig aufgeregt rief die "Mutter" spätabends an und bat darum, das Baby wieder abgegeben zu können, da sie nicht mehr mit ihm fertig werde! Es stellte sich heraus, dass der "Vater" eine Etage höher bei einem Freund weilte und sie völlig allein mit dem schreienden Kind war. Auch der Vorschlag, mit dem Kind hochzugehen und ihn an die gemeinsame Verantwortung zu erinnern, schlug fehl.
Auf dem Weg zu dem Paar gab es eine plötzliche Wendung: Der Vater rief an und erklärte, er wolle sich keine Blöße geben und seine Frau während der Nacht bei der Betreuung des Babys unterstützen. Er hatte Wort gehalten. Dafür lieferte er am nächsten Morgen den eindeutigen Beweis: Der Abschlussbesprechung konnte er nicht mehr folgen, da er tief und fest schlief!
Bei der Auswertung der Erfahrungen wurde erkennbar, dass die behinderten Menschen ausnahmslos verantwortungsvoll mit "ihren Babys" umgegangen waren. Alle waren sich aber einig, dass sie sich für ein Kind noch nicht erwachsen genug fühlen. Zunächst sei ihnen eine Partnerschaft das Wichtigste. Über den Kinderwunsch wollen sie in ein paar Jahren nochmals nachdenken. Zum Schluss erhielt jeder Seminarteilnehmer eine Mappe mit Informationen, Adressen und Notfallrufnummern.
Es war von Anfang an nicht unser Ziel, die Teilnehmenden abzuschrecken. Vielmehr war und wurde uns im Laufe des Seminares deutlich, dass oberste Priorität haben muss, darüber aufzuklären, dass Eltern-Sein etwas anderes ist als die in den Seifenopern geschilderte Familienidylle. Klar werden sollte, dass ein Kind zu haben auch finanzielle und persönliche Einschränkungen bedeutet.