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Beschämender Protest

Nachbarn und Kindergarten-Eltern sehen Gefahr in geplantem Wohnheim

Die Caritas und die Baugenossenschaft in Villingen-Schwenningen/Baden-Württemberg planen den Bau eines Mehrfamilienhauses für 24 leicht geistig behinderte Menschen. Über den Protest dagegen berichtete die Südwest-Presse Ulm unter dem Titel "Gefahr für die Kleinen – Kindergarten-Eltern befürchten Übergriffe der neuen Nachbarn".

Ein Caritas-Sprecher, so der Bericht, habe versucht, den Eltern die Berührungsängste zu nehmen. Weiter hieß es, dass seine Argumente bei vielen Eltern nicht mehr ankamen, nachdem eine Diplom-Pädagogin sowie Jugend- und Kinder-Psychotherapeutin die Position vertrat, geistig behinderte Menschen seien gefährlich.

Sie sagte laut Artikel: "Selbst, wenn die geistig Behinderten, die in dem Villinger Wohngebiet einziehen sollen, nur leicht behindert seien, so seien sie doch anders als die 'normalen' Menschen. Mit dieser Andersartigkeit könnten Kinder im Vorschulalter noch nicht umgehen. Sie entwickelten diffuse Ängste, nähmen seelischen Schaden."

Es müsse doch möglich sein, so ihre Meinung, dass Kinder in so einem Wohngebiet unbeschwert aufwachsen können. Gegen Behinderte im Wohngebiet habe sie nichts, nur sollten sie nicht am Kindergarten wohnen, wo die Kleinen ihnen nicht ausweichen könnten.

Entrüstung bei der Lebenshilfe

Bei der Lebenshilfe und vielen Leserinnen und Lesern löste der Zeitungsartikel große Entrüstung aus. Folgenden Leserbrief schrieb Rudi Sack, Geschäftsführer des Lebenshilfe-Landesverbandes Baden-Württemberg, an die Südwest-Presse:

  • Noch nie hat mich ein Bericht so betroffen gemacht. Der Vorgang ist ein Schlag ins Gesicht für Menschen mit geistiger Behinderung, ihre Angehörigen und Freunde, die sich seit Jahrzehnten zum Beispiel in der Lebenshilfe für eine Gleichberechtigung und Integration behinderter Menschen in unseren Gemeinden einsetzen.
    Menschen mit geistiger Behinderung, die in einem Beirat unseres Verbandes mitarbeiten, haben den Artikel, als er ihnen vorgelesen wurde, mit einer Mischung aus Entsetzen und Galgenhumor aufgenommen. "Muss ich mir dann nachher, wenn ich wieder nach Hause gehe, ein Schild umhängen, auf dem steht 'Ich bin gefährlich'?", wurde ich gefragt. Manche fühlten sich sogar an den Umgang mit dem Thema während der Nazizeit erinnert.

    Wenn sie tatsächlich so gefallen ist, finde ich auch die Äußerung des Trägers, man habe die behinderten Menschen, welche in dem neuen Projekt in der Hammerhalde leben werden, "sorgfältig ausgesucht", nicht besonders glücklich, denn sie bestätigt ja indirekt das Vorurteil, dass Menschen mit geistiger Behinderung besonders gefährlich seien.

    Die Wahrheit ist: Sie sind nicht mehr oder weniger gefährlich als die so genannten "Normalen" (was ist das eigentlich?) auch. Es ist mir fast peinlich, hier betonen zu müssen, dass ich in den letzten 25 Jahren tausenden von Menschen mit geistiger Behinderung begegnet bin und dabei noch nie "angegriffen" wurde. Ab dem ersten Kontakt im Rahmen meines Zivildienstes war ich vielmehr so überwältigt von all der Wärme und Offenheit, die mir begegnete, dass mich das Thema des gemeinsamen Lebens mit geistig behinderten Menschen nicht mehr losgelassen hat. Es gibt eine sehr kleine Anzahl darunter, deren Hilfebedarf einer intensiven Betreuung bedarf, welche auch den Aspekt des Schutzes beinhalten muss. Dabei geht es allerdings meist in erster Linie darum, sie vor sich selbst zu schützen.

    Für äußerst gefährlich halte ich allerdings die Äußerungen von Frau Hildebrand, die Menschen mit geistiger Behinderung offenbar pauschal für potenzielle Gewalttäter hält. Besonders hanebüchen ist ihre Behauptung, vor allem Kinder im Vorschulalter könnten mit einer solchen Nachbarschaft nicht umgehen und durch sie sogar seelischen Schaden nehmen. In Wirklichkeit begegnen Kinder in diesem Alter Menschen mit Behinderung viel unvoreingenommener als wir Erwachsenen, das belegen alle Erfahrungen mit integrativer Erziehung. Kinder im Vorschulalter werten nicht, sie beobachten. Sie sagen nicht "Sarah und Hans sind behindert" (oder gar "andersartig"), sondern vielleicht "Sarah kann nicht laufen" oder "Hans spricht ja gar nicht", und genau das trifft den Nagel auf den Kopf. Was Kinder allerdings belastet, sind Eltern oder Erzieher, die sie wegziehen oder ihnen das Hinsehen verbieten, und die ihre Fragen (zum Beispiel "Warum spricht Hans nicht?") nicht beantworten.

    Ich würde mir wünschen, Frau Hildebrand oder die Anwohner der Hammerhalde hätten schon im Kindergartenalter die Chance gehabt, eigene Erfahrungen mit behinderten Menschen in ihrer Nachbarschaft zu machen, denn dann wäre dieser Leserbrief gar nicht notwendig geworden. An die Südwest-Umschau habe ich die Bitte, Überschriften sensibel zu gestalten. Mancher verunsicherte Leser mag übersehen haben, dass die Behauptung "Gefahr für die Kleinen" in Gänsefüßchen gesetzt war.

Verlag

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 2/2007
 

Veröffentlichung

20.06.2007, 14:21 Uhr
 
 
 
 
 
© 2007 - 2012 Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de