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Kommunen und Lebenshilfe brauchen sich gegenseitig

Ein Interview mit Doris Langenkamp, Mitglied im Bundesvorstand der Bundesvereinigung Lebenshilfe

Frau Langenkamp, die Kommunen, also die Städte und Gemeinden, erhalten wachsende Bedeutung für die Entwicklung der Lebensmöglichkeiten behinderter Menschen. Verliert die Behindertenhilfe hierdurch eigene Aufgaben?

Doris Langenkamp: Meiner Einschätzung nach ist dies keinesfalls so. Vielmehr brauchen Kommunen und Behindertenhilfe/Lebenshilfe sich gegenseitig. Es geht darum, beide zu ermutigen, sich aktiv gemeinsam an den Planungsprozessen zur stärkeren Umsetzung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Gemeinwesen einzubringen und neue Formen zu erproben, wie Menschen mit Behinderungen ihre Interessen äußern und erfolgreich einbringen können. Die Gemeinden tragen für die Entwicklung von Integration, Inklusion und Barrierefreiheit eine besondere Verantwortung. Es hängt sehr viel davon ab, wie Kommune und Lebenshilfe miteinander umgehen und gemeinsam agieren. Bei uns in Münster gibt es traditionell eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Lebenshilfe und Stadt. Wir profitieren von einer stetigen guten Kommunikation und dem gemeinsamen Willen, etwas zu bewirken.


Die Forderung „Nicht über uns ohne uns“ erhält durch den Artikel 19 der UN-Behindertenrechts-Konvention einen verbindlichen rechtlichen Rahmen.

Doris Langenkamp: Ja und gerade deshalb sind die Kommunen aufgefordert zu handeln. Hier erhält die örtliche Teilhabeplanung eine zunehmende Bedeutung. Es gibt bereits eine Reihe positiver Beispiele aus verschiedenen Orten,


– aus denen einige Vertreter zur Fachtagung „Mit örtlicher Teilhabeplanung zum inklusiven Gemeinwesen“ kommen werden -

Doris Langenkamp: ... das freut uns natürlich sehr. Beispielsweise wird Frau Rüter, die Behindertenkoordinatorin der Stadt Münster, auch an der Tagung teilnehmen.


Und dazu auch Vertreter anderer Kommunen und Teilhabeprojekte. Was ist denn eigentlich unter „örtliche Teilhabeplanung“ zu verstehen?

Doris Langenkamp: „Örtliche Teilhabeplanung“ bezeichnet zunächst einen planerischen, lernorientierten Prozess. Es geht darum, gemeinsam mit den Kommunen die Entwicklung hin zu einem „inklusiven“ Gemeinwesen in Gang zu setzen, auf den Weg zu bringen, indem in konkreten Teilhabeprojekten städtische Stellen und Behindertenhilfe auf neue Weise miteinander arbeiten. In etlichen Kreisen und Städten wurden in jüngster Zeit solche Planungsprozesse begonnen. Dabei gab es sehr positive Erfahrungen.
Deutlich wurden aber auch Herausforderungen hinsichtlich der erfolgreichen Teilnahme von Menschen mit Behinderungen in solchen örtlichen Planungsprozessen. In den Verbänden der Behindertenhilfe haben wir mittlerweile zahlreiche Erfahrungen zur Beteiligung gemacht: Es gibt z.B. Mitwirkung in Heim- und Werkstättenbeiräten, in örtlichen und überregionalen Vorständen und Beiräten. In vielen anderen Bereichen können und müssen wir alle noch lernen.


Wie können nun Menschen mit geistiger Behinderung an örtlichen Planungsprozessen beteiligt werden? Wie soll das Zusammenspiel zwischen Kommunen, Dienstleistern wie der Lebenshilfe und behinderten Menschen funktionieren?

Doris Langenkamp: Auch bei der Beteiligung an Planungen auf örtlicher Ebene gibt es mittlerweile Kompetenz.
Beispielsweise haben wir in Münster die WIM (Wir Menschen mit Behinderung in Münster), ein städtisches Selbstvertretungsgremium, das sich einmischt in verschiedenste Prozesse und Diskussionen innerhalb der Stadt. Unterstützt und begleitet wird die WIM von der Lebenshilfe Münster und einem örtlichen Bildungsträger. Hier haben wir, wie ich finde, ein gutes Beispiel für Teilhabe, Selbstvertretung, Zusammenarbeit von Behindertenhilfe und Kommune.
Die Tagung ist von besonderer Wichtigkeit, weil sie professionellen Unterstützern auf kommunaler und verbandlicher Ebene neue Möglichkeiten und Chancen der Beteiligung an Prozessen der Teilhabeplanung auf lokaler Ebene näher bringen wird und damit dazu beiträgt, neue örtliche Teilhabeplanungen zu fördern.

Doris Langenkamp ist Mitglied des Bundesvorstandes der Lebenshilfe. Das Gespräch mit ihr führte Gerhard Heß, Institut inForm, Bundesvereinigung Lebenshilfe


Informationen zu den Marburger Fachtagen "Wir machen uns auf den Weg. Mit örtlicher Teilhabeplanung zum inklusiven Gemeinwesen"  finden Sie
hier!

Verlag

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Veröffentlichung

27.01.2010, 14:13 Uhr
 
 
 
 
 
© 2007 - 2012 Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de