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Autisten greifen zur Mistgabel

Der autistisch behinderte Christof Piella läd den Mist auf die Schubkarre. Projektleiterin Danja Moldenhauer hilft ihm dabei. Foto: Peer Brocke

Wenn Jens Peter Nitsch zur Mistgabel greift, wirkt er ruhig und konzentriert. Er fasst den Stiel tief unten an und manövriert das Gemisch aus Stroh und Pferdeäpfeln in die Schubkarre. Ganz vorsichtig, dass auch ja kein Halm daneben geht. Der 27-Jährige ist autistisch behindert und hat mit Hilfe des Projekts "Prosa" vor zwei Jahren seinen Hauptschulabschluss gemacht (siehe LHZ 3/2005). Das "Projekt für schreibende autistische Menschen" der Lebenshilfe Gießen ist laut Fachleuten einmalig in Deutschland und hat mittlerweile einen neuen Schwerpunkt. Nach bestandener Schulprüfung lernen die Prosa-Teilnehmer jetzt das Arbeitsleben kennen.


Nach einer Stunde haben es Jens Peter Nitsch und sein Kollege Christof Piella geschafft: Jeder hat eine Stallbox gesäubert und den Mist mit der Schubkarre nach draußen gebracht. Danja Moldenhauer und Roland Speckien haben die beiden autistischen jungen Männer bei ihrer Arbeit unterstützt – aber immer nur so viel wie nötig. Einmal ist unterwegs eine Fuhre umgekippt, da haben sie das Malheur mit vereinten Kräften beseitigt.

Kochen gehört zum Konzept

Jeden Mittwoch fahren sie raus zum Pferdestall, wo Danja Moldenhauer Mitglied im Reitverein ist und zwei Praktikumsplätze für "Prosa" ergattern konnte. Gemeinsam mit Ulla Güthoff leitet sie das Lebenshilfe-Projekt, das seinen Sitz im Gießener Heegstrauchweg hat. Hier verbringen die Projektteilnehmer – sieben Männer im Alter von 22 bis 27 Jahren – einen durchstrukturierten Tag, bis sie am späten Nachmittag wieder in ihre Wohngruppen zurückgebracht werden. Es handelt sich im Grunde um eine Tagesförderstätte, die noch bis Oktober 2008 zusätzliche Mittel von der Aktion Mensch erhält.

Mittagszeit. Gleich geht’s zurück in den Heegstrauchweg. Vorher aber will Jens Peter Nitsch noch unbedingt eins der Pferde streicheln. Danja Moldenhauer freut sich über solche Annäherungsversuche, die für Autisten alles andere als selbstverständlich sind. Christof Piella hält dann auch lieber respektvoll Abstand, während sein Kollege dem braunen Vierbeiner zum Abschied den Kopf tätschelt.

Heute gibt’s Hühnerfrikassee mit Reis. Auch das Kochen gehört zum Konzept: Abwechselnd sind zwei bis drei Teilnehmer zum Küchendienst eingeteilt. Die Arbeit in der Küche macht den meisten viel Spaß, auch hier sind große Fortschritte in den motorischen Fähigkeiten und im Erlernen von Handlungsabläufen erkennbar. Essen ist ein wichtiger Tagesordnungspunkt und motiviert zur Mitarbeit an sich.

Außerdem gibt es regelmäßig Unterricht zu lebenspraktischen Themen wie dem Umgang mit Geld. "Beim Thema Liebe, Partnerschaft und Sexualität waren alle voll dabei", berichtet Ulla Güthoff. Zwei Familienberater der Lebenshilfe Gießen – eine Frau und ein Mann – kamen dazu extra in den Heegstrauchweg. Eine ganz wichtige Frage war: Was darf ich in der Öffentlichkeit tun und was nicht? Daneben wurde deutlich, dass auch Autisten sich nach Beziehungen zum anderen Geschlecht sehnen – trotz ihrer Schneckenhaus-Mentalität. Zwei von ihnen hatten sogar den Mut, sich bei der "Schatzkiste" anzumelden. Das ist eine Partnervermittlungsstelle für behinderte Menschen der Lebenshilfe Gießen.

Gegessen wird gemeinsam an einem großen Tisch. Nur ein junger Mann sitzt etwas abseits. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn bei ihm fliegt schon mal ein Becher oder Teller durch die Luft. Für drei der Prosa-Teilnehmer haben die Projektleiterinnen noch keine Arbeitsperspektive aufgetan. Danja Moldenhauer erklärt: "Wir haben hier sieben Individuen und suchen bei jedem nach seinen beruflichen Neigungen." Doch manchmal scheitert es allein daran, dass einer einfach Angst davor hat, ins Auto einzusteigen, das ihn zum Praktikumsplatz bringen soll. Und Praktikumsplätze, die den speziellen Anforderungen autistischer Menschen genügen – sie brauchen intensive Begleitung und eine Rückzugsmöglichkeit bei reizarmer Umgebung – sind nur schwer zu finden.

Weniger Stützer gleich weniger Kommunikation

Heiko Heiner und Danny Sterling sind in einer Lebenshilfe-Werkstatt untergekommen. An einem Vormittag in der Woche füllen sie dort Futtermittel ab. "Die Tätigkeiten, die beide dort ausüben, sind für unseren Geschmack nicht sehr abwechslungsreich", meint Ulla Güthoff, "aber sie sind derzeit noch nicht in der Lage, komplexere Aufgaben zu erfüllen. Beide gehen jedoch gerne in die Werkstatt, weil sie dort mit großem 'Hallo' empfangen werden und gut integriert sind." Früher, so die Projektleiterin weiter, habe man mit dem Hauptschulabschluss ein klares Ziel vor Augen gehabt. Man habe zudem mehr Stützer finanzieren können, mit deren Hilfe die nicht oder kaum sprechenden autistischen jungen Männer sich ausdrücken und an den Bildungsinhalten arbeiten können. "Weniger Stützer heißt eben auch weniger Kommunikation", bedauert Ulla Güthoff.

Aus diesen Erfahrungen schmieden die beiden Projektleiterinnen schon Pläne für die Zeit nach Ablauf der aktuellen Aktion-Mensch-Förderung. Ihnen schwebt ein durchlässiges System aus verschiedenen Kleingruppen vor: Ein Teil der Autisten ist regelmäßig "draußen" und erprobt sein Können in der Arbeitswelt. Wer noch nicht soweit ist, bleibt zunächst in der vertrauten Umgebung der Tagesförderstätte und kann sich langsam ans Berufsleben herantasten. Vorstellbar sei auch eine dritte Gruppe aus neuen Teilnehmern, die bei "Prosa" erst einmal ihren Hauptschulabschluss machen könnten. "Dann bekommen wir vielleicht auch autistische Frauen ins Projekt", sagt Ulla Güthoff. "Auch könnte es sein, dass andere autistische Menschen an angebotenen Modulen der Erwachsenenbildung wie Allgemeinwissen, Sport, freies Malen, oder Musiktherapie teilnehmen, ohne festes Prosa-Mitglied sein zu müssen."

Prosa-Projekt soll fortgesetzt werden

Wie es nun genau weitergeht, ist noch nicht klar. Aber: Es wird mit "Prosa 3" auf alle Fälle eine Fortsetzung des Projekts geben. Ziel ist es, eine autismusspezifische Tagesstruktur anzubieten, die den kognitiven Fähigkeiten sowie den individuellen Wünschen der "Prosaisten" an Entwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe gerecht wird.

Kontakt: Telefon 0641/96625250,
E-Mail: prosa@lebenshilfe-giessen.de


Wie im Glashaus

Mit Hilfe von Stützern haben die Teilnehmer des Prosa-Projekts über ihre Erfahrungen als Autisten geschrieben. Hier zwei Textbeispiele – jeweils leicht gekürzt, aber ohne Korrekturen:

 

  • Aquariumsbewohner sind wir. Es,ist,ewie,ineinemm,glashaus.- Es.hat,ikeinen,sinn,in,eine,m,gilashaus.-
    Was hat keinen Sinn?
    Das,leben.-
    Was ist das Einschränkende an einem Glashaus?
    Die,scheiben.-
    Und warum?
    Sie,bsegrenzenmivch.-
    Was genau macht das Projekt Prosa zu einem Glashaus?
    Falsyches,handelmn,-von,eucgh.-ees,ist,mir,zu,laut.- Seit,aufgfmserksam,ihr,kennt,nicht,unsere,angszt.- Habe,angeszt,vderlassen,zu,sein.
    Beschreibe näher deine Angst!
    Es,jist,mir,nicht,er,laubt,ziu,lieben. Niemansd,kennt,die,tiefste,angst.-
    Wollen wir noch einmal über die "tiefste" Angst sprechen?
    Ist,schwer.-
    Wie äußert sich diese Schwierigkeit?
    Es,ist,unglaublich,schewer.-


     
  • Kannst du etwas über "Prosa" schreiben?
    Ja
    Dann los.
    Feine Rabenschwarzer tag für mich. Das projekt ist gut. Ein ich bin ein guter autist. Zeitweise bin ich dabeigewesen. Ich bin furchtbar einfach beschaffen.
    Wie kommst du darauf?
    Lachen ist chaos. Richtig denken ist unmöglich.
    Du hast schon so viel geschrieben, das ist ohne Denken nicht möglich.
    Keine einladung für das falsche Jahrhundert.
    Was meinst du damit?
    Kam achtsam auf die welt.
    Was hat das mit deinem vorigen Satz zu tun?
    Das meine ich doch.
    Erkläre das bitte.
    Ich war das einzige kind mit autismus zu Hause. Ohne das projekt wäre ich furchtbar einsam. Ich bin dankbar.
     

Buchtipps
Das Thema Autismus boomt zurzeit auf dem Büchermarkt. Die LHZ hat zwei ganz unterschiedliche Neuerscheinungen als Buchtipps für Sie ausgewählt:


Elternleitfaden Autismus, Dr. Brita Schirmer, TRIAS Verlag, Stuttgart, 2006, 271 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-8304-3331-6. In übersichtlicher Darstellung erfahren Eltern viel darüber, wie ihr Kind die Welt erlebt, welche Therapien helfen und wie schwierige Alltagssituationen gemeistert werden könnnen.


Die Geschwindigkeit des Dunkels, Elisabeth Moon, dtv, München, 2007, 460 Seiten, 14,50 Euro, ISBN 978-3-423-24598-2. Ein Roman über die Fähigkeiten eines Autisten; die Autorin ist Adoptivmutter eines autistischen Sohnes
 

Verlag

Bundesvereinigung Lebenshilfe
 

Autor

Peer Brocke
 

Quelle

Lebenshilfe-Zeitung 2/2007
 

Veröffentlichung

05.06.2007, 14:03 Uhr
 
 
 
 
 
© 2007 - 2012 Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. - 35043 Marburg, Raiffeisenstr. 18, E-Mail: Bundesvereinigung@Lebenshilfe.de